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Fußball: Das Wunder aus der Retorte

(c) GEPA (Witters)
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Die TSG 1899 Hoffenheim stellt den deutschen Fußball auf den Kopf. Der Aufsteiger steht – dank der Millionen von Dietmar Hopp – an der Spitze der Bundesliga.

HOFFENHEIM (mhk). Traditionalisten halten es für unerhört, dass jetzt sogar ein Aufsteiger an der Spitze der deutschen Fußballbundesliga steht. Noch dazu ein Verein, der vor 15 Jahren gerade einmal Landesliga-Niveau erreicht hatte: Der TSG 1899 Hoffenheim begeistert und verstört die Szene gleichermaßen. Mit einem 3:0-Sieg holte der ehemalige Dorfklub den Hamburger SV Sonntagabend von der Tabellenspitze. Die bunt zusammengewürfelte Truppe, der auch die Österreicher Andreas Ibertsberger und Ersatztorhüter Ramadan Özcan angehören, feiert diesen Moment ausgelassen, ebenso die Tatsache, dass frecher Offensivfußball zum Erfolg führt.

Allerdings: Schaut man sich die Entwicklung Hoffenheims an, könnte man den Eindruck gewinnen, der Sager, dass Geld keine Tore schieße, sei doch nicht so ganz richtig. Denn der Aufstieg der Fußballer aus Baden-Württemberg hängt unmittelbar mit den Geldspritzen eines Mannes zusammen: Dietmar Hopp. Seit 1989, damals war der Klub von der Bezirksliga in die A-Klasse abgestiegen, hat er bislang mindestens 150 Millionen in den Verein investiert und den Klub kontinuierlich von der Bedeutungslosigkeit an die Spitze der Bundesliga geführt.

 

Teufel oder Engel

Hopp, Jahrgang 1940, hatte Anfang der 1970er-Jahre seinen sicheren Job bei IBM hingeschmissen und mit einigen Mitstreitern das Softwareunternehmen SAP gegründet. Ein zunächst riskantes Unterfangen, das sich schließlich als Goldgrube entpuppt und ihn zu einem der reichsten Männer Deutschlands machte. Mehr als sechs Milliarden Euro will das US-Magazin Forbes kürzlich gezählt haben. Volles Risiko hatte er auch als Fußballer immer wieder genommen. Statt abzuspielen, wählte er den direkten Weg zum Tor. Das alles natürlich im Dress der TSG.

Als er 1989 10.000 Mark an seinen Exklub überwies, störte das noch kaum jemand, als er aber begann, Millionen in den Verein zu pumpen, darunter in das 60-Millionen-Euro-Projekt Rhein-Neckar-Arena mit 30.000 Sitzplätzen (geplante Eröffnung Jänner 2009), oder in Spielerverpflichtungen um kolportierte 20 Millionen Euro, bekam Hopp rasch den Beinamen „Kraichgau-Abramowitsch“. Mehr noch, er wurde zur Zielscheibe der Kritik. Ein Bild mit einem über Hopps Gesicht gelegten Fadenkreuz, mit dem Stadionbesucher demonstrierten, war der sichtbarste Beweis für die offene Ablehnung.

Hopp selbst sieht sich weder als „Teufel, der mit seinen Millionen die Bundesliga korrumpiert“ noch als „Engel, dessen Mäzenatentum Fußballmärchen möglich macht“, wie es die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ formulierte. Fußball sei für ihn, im Gegensatz zu so manchem Ölmagnaten, nicht bloß ein Spielzeug. Er möchte „den Verein möglichst schnell auf eigene Füße“ stellen, wie er in einem „Spiegel“-Interview meinte. Und gleichsam als Beweis fügte er an, dass Hoffenheim „wahrscheinlich schon im ersten Bundesligajahr schwarze Zahlen schreiben“ könne. Auch wenn er sich sportlich nicht mehr als den Klassenerhalt erwartet.

Den Vorwurf, dass nur gewachsene Traditionsvereine eine Existenzberechtigung hätten, weist Hopp brüsk zurück. „Retortenbabys werden doch auch geliebt“, meinte er. Tradition hätte ihre Berechtigung, doch würde sie auf der anderen Seite Entwicklungen glatt entgegenstehen.

 

Vorbehalte der Bayern

Einzigartig ist die Geschichte Hoffenheims nicht ganz. Auch in England spielt derzeit ein Aufsteiger, Hull City, an der Tabellenspitze als aktuell Dritter mit. Aber auch Deutschland hatte schon einmal ein vergleichbares „Fußballwunder“ erlebt. 1965 hatte ein kleiner Verein verblüfft. Als (Wieder-)Aufsteiger in die höchste Spielklasse war Bayern München am Ende der Saison Dritter gewesen – allerdings ohne ein vergleichbares Investment eines Gönners. Die Bayern sind es auch, die besonders kritisch Richtung Rhein-Neckar-Kreis blicken: Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern München, kommentierte denn auch als Experte des TV-Senders Premiere Hoffenheims Auftritt gegen den HSV reichlich pampig. Die unübersehbare Angriffslust der Mannschaft von Ralf Rangnick wollte er nicht so gern bestätigen und lieber über die Schwächen der Hamburger reden. Schließlich entrang er sich doch noch diesen Satz: „Respekt ist angesagt, den haben sich die Hoffenheimer erspielt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2008)