Peter Kogler: „Die Mondlandung war prägend“

(c) APA (Georg Hochmuth)
  • Drucken

Peter Kogler im Gespräch mit der "Presse" über die Evolution der Kunst und seine Einzelausstellung im Museum moderner Kunst.

Ebene vier des Museums Moderner Kunst (Mumok) in Wien ist gänzlich in Weiß gehüllt. Peter Kogler stellt sich in die Mitte des riesigen Saals, bittet darum, dass der Ton lauter gestellt wird. Er lässt an den vier Wänden den sechs Minuten langen Loop seiner neuesten Installation an sich vorbeiziehen. Es dröhnt und hämmert wie in einer Fabrik, es rauscht wie am Meer, der Raum dreht sich, krümmt sich, nimmt den Betrachter gefangen. Die Augen des Tiroler Künstlers haben die staunende Gelassenheit eines Zehnjährigen, der soeben die ultimative Modelleisenbahn gebaut hat. Sechs Minuten Raumzeit/Traumzeit, die schwer zu fassen sind, weil sie schlicht überwältigen. Mit wenigen Motiven versteht es Kogler, die ganze Welt zu beschreiben.

Kogler, Jahrgang 1959, ist im Mumok eine von Direktor Edelbert Köb ausgerichtete Personale gewidmet, die erklärt, warum er bei der Venedig-Biennale 1986 aufgefallen ist, warum er bei documenta IX und X 1992 und 1997 reüssiert hat. Hat ihn der Ruhm verändert? „Das ist anders als im Sport. Meine Arbeit bei der documenta war in den Medien sehr präsent, sie war im Fridericianum das Entrée zu Werken von Bruce Nauman, da mussten alle durch. Diese Arbeit (Anm.: die berühmten Ameisen) ist sehr gut für Reproduktion geeignet. Viel hat sich für mich persönlich nicht verändert, aber ich konnte meine Sachen dann in einem internationalen Kontext sehen.“

„Jetzt ist Wien der richtige Ort für mich“

Kogler ist ein Weltbürger geworden, hat längere Zeit in Los Angeles gelebt. Braucht er den Ortswechsel für seine Projekte? „Innsbruck war in den Siebzigerjahren zwar ein guter Platz für moderne Kunst, aber ich habe relativ früh gewusst, dass ich in einer Großstadt leben wollte. Ich war stark an amerikanischer Nachkriegskunst interessiert, meine Aufenthalte in New York und L.A. waren wesentliche Erfahrungen. Mitte und Ende der Achtzigerjahre an diesen Orten zu sein, war ein Glück. Es gab Aufbruchsstimmung, es entstanden Freundschaften mit wichtigen Künstlern. Das Umfeld ist einfach wichtig. Jetzt ist Wien der richtige Ort für mich.“

Kogler geht zurück an den Anfang der Schau, zu frühen Sachen Ende der Siebzigerjahre. Auf einem Foto ist er wie als Stillleben nackt im Kopfstand in einem Schaffel zu sehen. Eine Anspielung auf den Aktionismus? „Nein, da müssten auf dem Bild viel mehr Körperflüssigkeiten zu sehen sein. Es war eine Performance, aber deutlich leiser als die Wiener Tradition. Klarerweise gibt es schon einen Bezug. Der Aktionismus war in Wien die wichtigste Bewegung nach dem Krieg. Er wird bisher unterschätzt. Die Dinge sind speziell vom frühen Günter Brus sehr radikal formuliert worden. Dem war aber nichts mehr hinzuzufügen.“

Koglers Arbeit besteht aber auch darin, immer wieder etwas anzufügen. Für ihn ist Kunst ein Prozess, mit dem Geniegedanken fängt er wenig an. Die am Computer generierte Installation auf Ebene vier etwa ist Fortsetzung einer Arbeit, die 2000 im Kunsthaus Bregenz zu sehen war. „Meine erste große 360-Grad-Projektion. Die Programme haben sich verändert, ich bin immer daran interessiert, die Arbeit mit den gegenwärtigen technischen Möglichkeiten nachzujustieren.“Geformt haben sein Raumgefühl „die zentralen Fernseherlebnisse in den Sechzigern. Die Mondlandung 1969 war für meine Generation, für unseren Technikzugang prägend.“ Auch Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“ sei stilbildend gewesen, fast prophetisch für die Städtearchitektur von heute. – Die Ästhetik in den Achtzigerjahren, etwa das Setting im Sci-Fi-Film „Blade Runner“, sei dann schon gänzlich anders. „Es regnet ständig, die Stadt ist am Kollabieren. Der Held aber lebt in einem Haus von Frank Lloyd-Wright. Für meine Kinder war dagegen 9/11 prägend. Da sind sie ständig vorm Fernseher gesessen und haben über Tage gesehen, wie sich die Katastrophe wiederholt. Auch der Crash der Concorde und der Absturz der Raumstation Mir werden wahrscheinlich bewirken, dass sie einen anderen Zugang zur Technik haben. Wir haben sie optimistisch, als Aufbruch gesehen. Für unsere Kinder hat sie andere Vorzeichen. Die sitzen im Zimmer und schreiben eine SMS, während der Computer rennt, im Hintergrund der Fernseher flimmert und die Stereoanlage spielt.“

Kogler nutzt die neuen Möglichkeiten, aber in seiner Bildsprache greift er immer wieder auf die gleichen Formen zurück: Ameisen, Gehirne, Rohre, Ratten, Gitter. „Sehr einfache Dinge können auch sehr komplex sein, sind differenzierter zu sehen. Ich sehe diese Bildmotive wie Bausteine eines Vokabulars, nicht isoliert, sondern im Zusammenhang, dadurch entsteht ihre Bedeutung. So funktioniert Kommunikation. Elemente, die sich über die Jahre bewährt haben, behalten ihren Part.“

Ist das ein evolutionäres Konzept? „Vielleicht“, meint Kogler. „Vielleicht ist es aber auch vergleichbar der Situation im Labor, wo sie ein bestimmtes Feld haben, in dem die Möglichkeiten ausgelotet werden. Es sind Motive mit einer gewissen Zeitlosigkeit, die es schon sehr lange gibt und noch viel länger geben wird als uns. Der Ameisenstaat zum Beispiel wurde in der Hirnforschung als Metapher benutzt für eine Superstruktur.“

Wenn die Bildsprache eine gewisse Universalität besitze, lasse sie viele Projektionen zu. „Es ist eine Besonderheit des Mediums Computer, offen zu sein, es war ursprünglich ohne bestimmten Zweck gedacht, wenn man von Kodierung und Dekodierung absieht. Diese Erfindung ist in alle Bereiche eingesickert, in Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur. Man ist durch den Computer angedockt an all diese Bereiche.“ Die Personale ist für ihn eine besondere Situation: „Edelbert Köb hat mir und meinem Team die Möglichkeit gegeben, alles so umzusetzen, wie wir es uns vorgestellt haben. Wir haben monatelang hart gearbeitet. Seit wir fertig sind, schlafe ich etwas besser.“

Zu Person, Ausstellung

Peter Kogler wurde 1959 in Innsbruck geboren, lebte in den 80er-Jahren in Los Angeles und New York, heute lebt und arbeitet er in Wien. Seit 1979 stellt er seine Werke international aus, etwa bei der documenta IX und X, zuletzt u.a. bei der 50. Biennale in Venedig (2006). Rund zehn Jahre lehrte er an der Akademie der bildenden Künste in Wien, seit 2007 an der Akademie in München.

Die Ausstellung im Mumok, MQ, läuft von 31.10. bis 25.1., tägl. 10–18h, Do bis 21h. Regulärer Eintritt: neun Euro. [APA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2008)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.