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Der amerikanische Patient

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Eine Kranken-Versicherung zu haben ist in den USA ein Privileg.

In vielen Krankenhäusern im Mittleren Westen der USA gibt es neben der Chirurgie, der Radiologie, der Geburtsabteilung und der Notaufnahme eine ganz spezielle Abteilung: eine Pfandleihe. Und erst die macht es vielen Menschen möglich, eine medizinische Behandlung in einer der anderen Abteilungen zu bekommen.

Etwa 15 Prozent der US-Bürger, rund 45 Millionen Menschen, haben keine Krankenversicherung. Sie müssen jede Operation, jeden Arztbesuch, jede Behandlung selbst bezahlen. Und das wird teuer: Eine simple Untersuchung beim Arzt kostet für einen sogenannten „Self-Pay“ mindestens 120 Dollar. Ein Tag in einem Krankenhaus schlägt mit etwa 6000 Dollar zu Buche, für eine Blinddarmoperation muss man mit 12.000 Dollar rechnen, die Entfernung der Gallenblase kostet 15.000 Dollar.

 

85 Prozent sind versichert

Die USA sind die einzige Industrienation der Welt, die ihren Bürgern keine allgemeine Krankenversicherung nach dem Vorbild Österreichs, Deutschlands, aber auch Kanadas bietet. Doch der Glaube vieler Europäer, dass es in den USA überhaupt keine Krankenversicherung gibt, ist falsch. 85 Prozent der amerikanischen Bürger sind krankenversichert. Davon die meisten (60 Prozent) durch ihren Arbeitgeber; 29 Prozent sind entweder Beamte und haben eine Deckung über die Bundesregierung oder fallen in die zwei staatlichen Krankenversicherungsprogramme Medicaid und Medicare. Neun Prozent haben sich privat versichert.

 

Das große Problem sind die 40 Millionen bis 50 Millionen Menschen, die in kleinen Firmen arbeiten oder selbstständig sind. Sie verdienen zu viel, um die staatliche Medicaid in Anspruch nehmen zu können, aber zu wenig, um sich privat eine Versicherung leisten zu können.

Die zwei staatlichen Programme kommen dem, was andere Industrienationen als allgemeine Krankenversicherung haben, am nächsten. Medicaid übernimmt die Krankenkosten jener Menschen, die nur über geringes Einkommen verfügen und keine finanziellen Ressourcen haben. Im Jahr 2007 waren das 60,5 Millionen Amerikaner. Knapp 300 Milliarden Dollar kostete ihre Betreuung in jenem Jahr. Die Zahl der Me-dicaid-Bezieher steigt jährlich, weil immer mehr Firmen die Krankenversicherung für ihre Angestellten aus Kostengründen streichen oder einschränken. Medicaid bezahlt aber nur ganz bestimmte Behandlungen, viele Krankheiten sind nicht durch diese Versicherung gedeckt.

Noch strikter sind die Vorschriften bei Medicare, einem staatlichen Krankenversicherungsprogramm für US-Staatsbürger, die älter als 65 Jahre sind oder an einer Behinderung leiden. Die Teilnehmer bezahlen einen Versicherungsbeitrag, der sich an der Höhe der Pension orientiert, teilweise auch einen Behandlungsbeitrag. Etwa 44 Millionen Menschen sind über das Programm versichert, das einen Jahresumsatz von 500 Milliarden Dollar hat. Was Medicare bezahlt und wie viel, ist stark beschränkt.

Die meisten Menschen, die einen Job in den USA haben, sind über ihren Arbeitgeber versichert. Der Dienstnehmer muss einen Beitrag bezahlen (in der Regel zwischen 15 und 30 Prozent, je nachdem, wie viele Personen in der Familie mitversichert sind). Wie die Krankenversicherung im Detail aussieht, hängt vom Dienstgeber und dessen Versicherung ab: In manchen Fällen muss der Angestellte zusätzlich zu seinen Beiträgen pro Arztbesuch beispielsweise 20 Dollar bezahlen. In anderen Fällen gibt es einen Selbstbehalt von 20 Prozent bis zu einer bestimmten Höchstgrenze pro Jahr. Andere haben keine Höchstgrenze, keinen Selbstbehalt, müssen dafür aber die ersten 500 Dollar für jede Behandlung aus der eigenen Tasche berappen.

Das zeigt bereits das gravierendste Problem des amerikanischen Gesundheitssystems: Der bürokratische Aufwand ist enorm, weil es hunderte verschiedene Versicherungen mit hunderten verschiedenen Systemen gibt. Allein für die Administration, errechnete die Harvard Medical School in einer Untersuchung, werden gigantische 31 Prozent aller Gesundheitsausgaben aufgewandt.

 

Teures Gesundheitssystem

Und diese Aufwendungen sind enorm. 2007 wurden in den Vereinigten Staaten 2,3 Billionen Dollar für die Betreuung von Kranken und Verletzten ausgegeben. Umgerechnet auf das Bruttoinlandsprodukt beliefen sich die Krankenkosten im Jahr 2005 auf 15,2 Prozent (in Österreich waren es 10,2 Prozent). Bis zum Jahr 2017 wird der Anteil auf 19,5 Prozent steigen.

An einer Reform des Gesundheitssystems sind bisher alle amerikanischen Präsidenten gescheitert. Zuletzt unternahm Bill Clinton im Jahr 1993 einen Anlauf. Mit der Umsetzung beauftragte er seine Frau Hillary. Das, meinen manche, sei der Grund für sein Scheitern gewesen.
Der Text ist ein Auszug aus dem Ende November im Molden Verlag erscheinenden Buch unseres Korrespondenten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2008)