Tür an Tür auf der Mariahilfer Straße: Onlinebroker leiden unter der Wirtschaftskrise, der Tauschzentrale hilft sie beim Geschäft. Nicht nur deshalb hängt der Haussegen schief.
Wien. In Haus Nummer 121 auf der Mariahilfer Straße hängt der Haussegen schief. Und das nur wegen der Wirtschaftskrise: Im Abstand von wenigen Metern prallen hier Welten aufeinander, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Die Firma Brokerjet, die für die Erste Bank ein Onlineportal für Börsehandel betreibt, teilt sich das Gebäude mit der Wiener Tauschzentrale, seit den 1960er-Jahren eine Institution unter den Second-Hand-Läden.
Das Problem? Getroffen hat die Wirtschaftskrise beide. Doch während so mancher Brokerjet-Kunde wegen hoher Verluste eher sehr leisetritt, wird es in der Tauschzentrale jetzt erst richtig laut. Schon am Morgen stehen Menschen vor dem Geschäft in der Reihe, bis weit auf den Vorplatz. Menschen, die nicht in das Bild der Börsenwelt passen. Sie schleppen Kisten, abgenutzte Taschen und große Säcke, gefüllt mit alter Kleidung und Hausrat.
Brokerjet sind sie ein Dorn im Auge. In der Tauschzentrale lassen sich mit den Habseligkeiten ein paar Euro machen. Das Geschäftskonzept ist einfach: Alte Kleidung, Spielsachen, Geschirr oder Möbelstücke können vorbeigebracht werden. Wandern die Dinge innerhalb von sechs Monaten über den Ladentisch, erhält der Besitzer die Hälfte des Verkaufspreises.
Eine Möglichkeit, auf die immer mehr Wiener zurückgreifen. Viele, weil sie müssen. „Wir spüren, dass es den Menschen wirtschaftlich noch schlechter geht“, sagt Annemarie Gaszi, Chefin der Tauschzentrale. „Erschreckend, wie viel die Leute vorbeibringen.“ So viel, dass die Abgabemenge auf eine Kiste pro Person begrenzt wurde. Denn der 700m große Verkaufsraum platzt aus allen Nähten: Auf drei Etagen stapelt sich alles, von neuwertig bis wertlos. Schmuddelige Stofftiere, Trachtenkleider und altes Porzellan zieren die Auslage. Nicht alles hier ist noch brauchbar.
Gudrun Goebel ist das egal. Der Einkauf in der Tauschzentrale ist für die 68-Jährige „ein Muss“. Seit zwei Stunden sucht sie nach Pullovern. Sie hat viel Zeit, aber wenig Geld, wie sie sagt. „Meine Pension reicht für das Nötigste, mir bleibt von Jahr zu Jahr weniger.“ Neu einkleiden kann sie sich nur hier. Auch heute ist Goebel fündig geworden. Ihre Ausbeute: zwei Pullover und zwei T-Shirts. „Nur 45,50Euro“, sagt sie und fuchtelt mit ihrer Brille. So klingt ein kleiner Triumph.
Zwei Stockwerke darüber trifft der Geruch muffiger Kleidung auf den Duft des Geldes. Und auf den Duft teurer Parfums. Parfums wie jenes, das Edit Sedon aufgelegt hat. Die Brokerjet-Marketingleiterin sitzt im schwarzen Ledersessel. Ihren Hosenanzug gibt es nicht um 45,50Euro, so viel ist klar. Wenn sie lächelt, und das tut sie immer, blitzen ihre weißen Zähne.
Wenn die Börsianer leiden
Die Kunden der Tauschzentrale sind ihr und ihren Kollegen nicht geheuer. „Ich weiß nicht, woher die vielen Leute so plötzlich kommen“, sagt Sedon und lächelt wieder verbindlich. „Viele sehen ganz normal aus.“ Bei Brokerjet ist die Menschenschlange das „Kaffeeküchenthema“, wie Sedon sagt. Warum? Weil man sich mit ihnen ärgern muss: „Bei Schlechtwetter stehen die Leute im Foyer. Ihre Kisten verstellen unseren Kunden den Weg.“ Und die will man nicht vergrämen – die Finanzkrise schlägt ohnedies aufs Gemüt: „Die Zeiten sind nicht rosig. Wir Börsianer leiden“, sagt Sedon. „Für viele Kunden mussten wir alles verkaufen.“ Nicht alles, aber manches muss auch Waltraud Hofer verkaufen, jedoch zwei Stockwerke weiter unten. Heute hat sie Polster in Knochenform, ihr Goldketterl und eine Gemüsereibe gebracht. Die Finanzkrise nimmt die 60-Jährige locker: „Ich hatte immer die Krise“, sagt sie. „Früher musste ich jeden Schilling umdrehen, jetzt halt jeden Euro.“ Kundin ist sie seit 1966.
Doch nicht alle, die in diesen Tagen kommen, sind Stammkunden: „Unser Publikum wird bunter“, sagt Chefin Gaszi, die 65.000 Kunden in ihrer Kartei hat. Auch eine junge Frau ist „ganz sicher“ das erste Mal hier, wie sie – ungefragt – versichert. Weil sie „Geld immer brauchen kann“. Ihren Namen nennt sie nicht. Irgendwie ist es ihr peinlich, hier zu sein.Brokerjet hat sich gegen die Peinlichkeit abgesichert. Mit einem gelben Schild an der Tür: „An die Kunden der Tauschzentrale. Bitte die benachbarten Haus- und Geschäftseingänge freihalten.“
Nicht, dass die Broker, die dort oft rauchen, noch für Kunden der Tauschzentrale gehalten werden.
DIE KRISE KOMMT
■ Bernhard Felderer (Institut für Höhere Studien) prognostiziert: Die Krise trifft Wien später als andere Bundesländer; die Konsequenzen werden aber dieselben sein (z. B. steigende Arbeitslosenraten). Um gegenzusteuern will die Stadt ein Konjunkturpaket beschließen, dessen Details in wenigen Tagen feststehen sollen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2008)