In der Freud'schen Typologie ist sowohl das Rohr als auch die Röhre zwitterhaft.
Music is the Healing Force of the Universe“, sagten die Neupythagoräer unter den alten Freejazzern, so pathetisch wollen wir es heute nicht mehr hören. Wir lieben es schnoddriger. Wie der Psychologe Steven Pinker, der derzeit allerorten in Artikeln zum „Musik und Gehirn“-Schwerpunkt des Festivals „Wien modern“ mit dem Satz zitiert wird: „Sie (die Musik) kitzelt ein paar wichtige Teile des Gehirns auf sehr angenehme Weise, so wie Käsekuchen den Gaumen kitzelt.“
Wobei man Pinker in einem verteidigen muss: Er hat „cheesecake“ geschrieben. Und das übersetzt man in Österreich nicht als „Käsekuchen“, auch nicht als „Quarkkuchen“, sondern wahlweise als „Topfenkuchen“ oder „Topfentorte“. Was ja gleich viel mehr nach Kultur klingt.
Unschön ist auch das Wort „Rockröhre“. Der Metagreißler, der sich nebenher ja seit 20 Jahren als Popmusikkritiker versucht, hat es noch nie verwendet. So nahm er es nur mit routiniertem Hohn zur Kenntnis, als die Sängerin Pink unlängst in der „Kronen Zeitung“ so bezeichnet wurde. Verstört hat mich dann allerdings, dass im gleichen Blatt der sehr geschätzte „Telemax“ das Wort „Röhre“ gebrauchte, zwar nicht für eine Sängerin, aber für einen Sänger.
Was sagt man denn dazu? Darf er das? Und wenn schon, wäre das maskuliner anmutende Wort „Rohr“ hier nicht angebrachter?
Nicht unbedingt. Die Röhre leitet sich zwar vom Rohr ab (das ursprünglich eine Pflanze mit hohlem Schaft war), hat aber den Vorteil, dass sie nach dem lautmalerischen „röhren“ klingt, ohne dass sie mit ihm verwandt wäre. Man könnte sie sogar in eine Reihe mit den v.a. in Deutschland verbreiteten neuen Bildungen „die Schreibe“, „die Denke“ etc. stellen. Durch diese Assoziation verblasst das physische Bild – was nicht stört, da es ein wenig peinlich ist. Sowohl Rohr als auch Röhre sind ja in der Freud'schen Typologie zwitterhaft. Im derben Volksmund dagegen ist die Röhre eher weiblich, das Rohr eher männlich konnotiert. Die sexuelle Aura dieser Wörter brachte es u.a. mit sich, dass man EU-Redakteure leicht anzüglich grinsen sah, als sie anlässlich der Rückkehr polnischer Installateure in ihre Heimat schrieben, sie hätten in England „alle Rohre verlegt“.
Besser, man sieht es allgemein menschlich. Wie der kluge Biologe Steve Jones, der in seinem Buch „Coral“ schreibt: „Jeder von uns, wie bedeutend er auch sein mag, ist eine Zehn-Meter-Röhre, durch die Nahrung fließt, die meiste Zeit in eine Richtung.“ Nicht nur ein tönend Erz oder eine klingende Schelle, um es mit Paulus zu sagen, sondern auch eine röhrende Röhre. Ist das nicht ein Quäntchen Trost?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2008)