Die mitochondriale DNA des Eismannes wurde jetzt sequenziert. Sie passt in keine heutige Gruppe.
Der vor ca. 3500 Jahren verblutete Eismann Ötzi sorgt abermals posthum für wissenschaftliche Aufregung: Er ist der älteste Homo sapiens,von dem man das gesamte mitochondriale Genom kennt – die mt-DNA also, die nicht im Zellkern ruht, sondern in den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zelle. Er ist nicht der älteste Mensch:Bereits im August 2008 konnten Anthropologen in Leipzig die mitochondriale DNA eines – vor circa 38.000 Jahren im heutigen Kroatien gestorbenen – Neandertalers entziffern. Die Kern-DNA – die viel mehr Gene, viel mehr Information enthält – ist bereits in Arbeit, sie macht viel mehr Mühe.
Nur mütterliche Linien
Warum ist es so viel leichter, die mt-DNA zu sequenzieren? Vor allem, weil viel mehr da ist: Jedes der circa 1000 Mitochondrien, die in einer Zelle hausen, enthält seine eigene DNA. Diese macht auch bei der sexuellen Fortpflanzung nicht mit: Die mt-DNA erbt jeder/jede nur von seiner/ihrer Mutter. So ist sie dazu geeignet, mütterliche Abstammungslinien zu verfolgen, nach gemeinsamen Müttern zu suchen: Aus mt-DNA-Stammbäumen leiten Anthropologen ab, dass vor circa 150.000 Jahren in Afrika eine Frau („Eva“) lebte, von der wir alle abstammen. Nicht weil sie damals die einzige war, sondern weil von allen anderen damals lebenden Frauen heute keine Nachkommen mehr leben: Ihre Abstammungslinien sind sozusagen ausgestorben.
Eben das sei auch der Linie passiert, der Ötzi angehörte, lesen nun Forscher um Franco Rollo (Camerino, Italien) aus Ötzis mt-DNA. Sie zählt zu einem Typ („Haplogruppe“), den man K nennt. Diese Haplogruppe haben heute circa acht Prozent aller Europäer, unter den aschkenasischen Juden sind es 30 Prozent. Sie teilt sich in zwei „Sub-Haplogruppen“, K1 und K2, diese jeweils wieder in „Cluster“. Ötzis mt-DNA gehört zu K1, das ist schon länger bekannt. Überraschung der neuen Analyse: Ötzis mt-K1 passt in keinen der heute bekannten drei Cluster von K1 (Current Biology, 31.10.).
„Das heißt nicht einfach, dass er irgendwelche ,persönlichen‘ Mutationen hatte“, erklärt Rollo, „sondern dass es damals eine Gruppe gab, die die gleiche mt-DNA hatte. Offenbar gibt es diese genetische Gruppe nicht mehr. Wir wissen nicht, ob sie ausgestorben oder nur extrem selten geworden ist.“
Phönizier haben schon Erben
Sehr wohl lebende Nachfahren haben die alten Phönizier: Das belegt eine genetische Studie (American Journal of Human Genetics), die sich nicht auf die mütterlich vererbte mt-DNA, sondern auf das nur vom Vater an den Sohn vererbte Y-Chromosom stützt. Ihr Ergebnis: Sechs Prozent der heute an den Gestaden des Mittelmeers lebenden Männer stammen in direkter Linie von einem Phönizier ab. Dass die Gene der Phönizier sich so weit verbreiten konnten, liegt natürlich an ihren vielen Koloniengründungen. Karthago mag zerstört sein, aber seine Nachfahren leben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2008)