Die Direktoren Michael Schottenberg und Thomas Stöphl fordern 1,4 Mio. mehr Subvention, sechs Mio. Euro für Investitionen. Das Dach ist undicht, Sessel brechen durch. Schottenberg will bis 2015 Chef bleiben.
Die Presse:Warum verschleudert das Volkstheater Karten im Abonnement für vier, acht Euro pro Stück? Ist der Besuch so schlecht?
Thomas Stöphl: Nein. Alle drei bisherigen Saisonen, die Michael Schottenberg absolviert hat, waren wirtschaftlich positiv. Es ist wie in allen Theatern, die besseren Plätze sind gut besucht, die schlechteren nicht so gut. Daher gibt es z.B. ein Schnupper-Abo.
Michael Schottenberg: Karten in der ersten Reihe kosten sicher nicht acht Euro. Das ist wie bei Ikea. Da heißt es auch „Sitzbank ab 129Euro“, oder bei Fly Niki kostet ein Flug ab 9,90. Man möchte die Leute anlocken. Ein Abo kostet 280Euro. Damit kann man nicht werben, auch wenn es 40 Prozent vom Normalpreis der Karten sind.
Der Rechnungshof (RH) übte herbe Kritik an der Auslastung und negativen Betriebsergebnissen des Volkstheaters. Was ist mit der Neubesetzung der Stiftungsgremien, mit der Prüfung des Unternehmens? Das dauert alles schon recht lang. Hat sich da etwas getan?
Stöphl: Die Untersuchung der wirtschaftlichen Gebarung des Hauses ist im Gange und wird bald fertig sein. Auch die Gremien werden neu besetzt. Das geht Hand in Hand mit der Feststellung des Subventionsbedarfes. Ministerin Schmied will wissen, mit wie viel in den nächsten Jahren zu rechnen ist. Da kommen auch Investitionswünsche zum Tragen. Größere Investitionen sind hier seit Langem nicht mehr gemacht worden.
Ist das Volkstheater ein Sanierungsfall, wie es in den Neunzigern die Josefstadt war?
Stöphl: Nein. Es gab für eine Spielzeit eine Aufstockung des Budgets von rund 600.000 Euro, 300.000 von der Stadt, 300.000 vom Bund. Der Knackpunkt ist, dass, mit Ausnahme der Josefstadt, die Theater von 1999 auf 2000 Kürzungen des Bundes zwischen zwölf und 15 Prozent hinnehmen mussten. Darunter leiden wir bis heute.
Wie viel braucht das Theater zum Überleben?
Stöphl: Wir haben seit Längerem bei der Stadt und beim Bund einen Mehrbedarf von 1,4Mio. Euro angemeldet. Für Investitionen sind weitere sechs Mio. Euro nötig: Die Fenster sind undicht, durchs Dach regnet es herein. Man sitzt schlecht. Manche Leuten brechen mit den Sesseln durch. Wir entschuldigen uns und geben ihnen Freikarten. Die bauliche Situation ist dramatisch.
Schottenberg: Ganz wichtig ist ein Kulissendepot auf dem Parkplatz hinterm Haus. Wir können nur sehr wenig lagern, sind dadurch gezwungen, Produktionen möglichst rasch abzuspielen. Wenn wir sie, wie das Burgtheater, länger spielen könnten, dann würde sich die Gesamtauslastung verbessern, die in der letzten Spielzeit bei 72 Prozent lag.
Es gab immer wieder Pläne, das Volkstheater zu verkleinern. Dann wäre man mit der Auslastung nicht so stark unter Druck.
Schottenberg: Die Auslastung wäre besser, aber die Einnahmen wären schlechter. Das bringt es nicht wirklich. Ich bin glücklich, dass wir ein großes Theater haben, weil wir für Produktionen, die gut gehen, mehr Karten verkaufen können.
Was ist gut, was ist schlecht gegangen?
Schottenberg: Eigentlich ist fast alles gut gegangen, außer „Clavigo“ und „Weiningers Nacht“. „Die Räuber“ oder „Cabaret“ könnten wir jetzt noch spielen, wenn wir mehr Platz für Depot hätten. Das gilt auch für den „Besuch der alten Dame“. „Jux“ und „Cabaret“ hatten 100 Prozent Auslastung.
Ihr Vertrag läuft bis 2010. Erfolgt die Verlängerung automatisch, wenn keiner der beiden Vertragspartner, Stadt und Sie, kündigt?
Schottenberg: Ja. Sie müssten meinen Chef fragen. Das ist die Stiftung.
Gehen Sie davon aus, dass Sie bis 2015 Direktor des Volkstheaters bleiben?
Schottenberg: Ja. Davon gehe ich aus.
Wenn man Ihren Spielplan anschaut, zeigen Sie viele Zugstücke: Von „Tod eines Handlungsreisenden“ bis „Jux“. Ein Konzept oder ein Motto kann man nicht entdecken.
Schottenberg: Wäre ich nicht auf Wirkung aus, würden Sie mir genau das vorwerfen. Ich brauche Publikum. Da sind wir uns einig, nicht? Das Programm muss einen sozialkritischen Anspruch haben. Das haben Stücke wie „Tod eines Handlungsreisenden“ oder „Rose Bernd“. Das Volkstheater hat immer auch Unterhaltungsstücke gespielt, wie „Nackter Wahnsinn“ und „Sonny Boys“.
„Sonny Boys“ zeigen Sie wegen Peter Weck, der in Wien lange nicht Theater gespielt hat.
Schottenberg: So ist es. Ich bin stolz und glücklich darüber. Wichtig sind auch die großen österreichischen Volksstücke von Horváth oder Nestroy. Volkstheater ist Vielfalt. Das war mein Konzept. Wir haben eine breite Öffnung gemacht – mit der Roten Bar, dem Empfangsraum, dem Hundsturm, wo wir jetzt Gastspiele aus dem Osten zeigen. Es gibt Musik, Diskussionen. Die Idee ist, möglichst breit aufgestellt zu sein. Wir haben 470 bis 570 Vorstellungen im Jahr.
Spüren Sie eine Veränderung beim Publikum?
Schottenberg: Das Volkstheater hat wenig Abonnement und sehr viele Karten im freien Verkauf. Es kommen wesentlich mehr junge Leute und Studenten als früher. Sie entscheiden sich eher spontan als Ältere, ins Theater zu gehen. Das Volkstheater ist bis zwei, drei Uhr nachts offen. Es gibt viele Feste und Clubbings. Theater ist auch ein Dienstleistungsbetrieb, der ein komplettes Angebot zu geben hat. Da sind wir allein auf weiter Flur in diesem Land. Das hat schon mehr mit London oder New York zu tun.
Gibt es etwas, was Sie nicht mehr tun würden, wenn Sie nochmal anfangen würden?
Schottenberg: Im ersten Jahr gab es eine klare Ausrichtung auf die österreichische Zeitgeschichte. Das war in der Dichte nicht gewünscht, das haben wir korrigiert, verhandeln dieses Thema jetzt im Empfangsraum. Schwierig war für mich persönlich das viele Planen, der große Apparat. Ich war ja in freier Wildbahn tätig. Für einen großen Betrieb zu denken, das war ein Lernprozess – aber auch eine wunderbare Herausforderung.
Sie denken nicht mehr an Flucht?
Schottenberg: Ich habe nie an Flucht gedacht.
Was wird nach 2015? Schottenberg Volkstheater-Direktor forever? Sie sind dann 63.
Schottenberg: Ich glaube, 2015 ist ein überschaubarer Zeitraum. Das ist realistisch.
DIE VOLKSTHEATERMACHER
■Michael Schottenberg (56) war in der Freien Szene tätig, inszenierte aber auch „Grease“ im Raimundtheater, „Graf von Luxemburg“ in der Volksoper. VT-Chef seit 2005. Thomas Stöphl (57), Jurist, war 21 Jahre Theaterreferent im städtischen Kulturamt. Seit 1.12. 2007 VT-Geschäftsführer.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2008)