Rassenfrage: Schwarze Pioniere

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Obama(c) Reuters (JASON REED)
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Gewinnt Barack Obama am 4.November die Präsident-schaftswahl, ist es auch der Verdienst einiger Vorreiter, die der Diskriminierung im US-Sport ein Ende setzten. 2008 wurde erstmals ein Afroamerikaner als Schiedsrichter für die „Super Bowl“ nominiert.

Stell dir vor, es läuft ein Footballspiel, und der Trainer darf nur auf der Bank sitzen. Er darf nicht an der Linie stehen und Anweisungen geben – es ist ihm verboten. Warum? Weil er Afroamerikaner ist. Die Hälfte seiner Mannschaft muss sitzen bleiben. Warum? Es sind Schwarze. Nach dem Spiel warten zwei Busse auf die Spieler. Ein teurer, moderner Wagen für Weiße, ein altes, klappriges Modell transportiert die farbigen Akteure. Und obwohl beide Fahrzeuge vom gleichen Team gechartert sind, steuern sie unterschiedliche Hotels an. Einen Fünf-Sterne-Palast für Weiße und eine heruntergekommene Absteige für Schwarze. Gibt es einen Empfang, darf die Hälfte der Mannschaft daran nicht teilnehmen, weil sie eine dunkle Hautfarbe hat. Sie ist nicht erwünscht.

Ein „Gentlemen's Agreement“?

Das ist nicht frei erfunden, sondern in Amerikas Sport tatsächlich jahrzehntelang passiert. Sport galt als elitär, als „weiß“, und im Unterhaltungsprogramm Anfang des 20.Jahrhunderts spielten Afroamerikaner in ihrer Heimat keine Rolle. Dennoch wagten einige den Schritt und drangen trotz heftigen Widerstandes in die weiße Domäne des Sports ein. Sie leisteten die Vorarbeit, rüttelten am System und legten damit auch die Grundsteine für das Ende der Rassendiskriminierung in der Gesellschaft. Und wenn Barack Obama am 4.November tatsächlich den Einzug ins Weiße Haus schaffen sollte, hat er es nicht zuletzt auch den schwarzen Sportpionieren zu verdanken.

Frederick Pollard war 1920 der erste Cheftrainer eines Footballteams in der National Football League (Akron Pros). 1957 folgte ihm Lowell Perry, der in Pittsburgh die zuvor geschilderten Diskriminierungen erlebte. Die Trennung von Schwarz und Weiß ging damals sogar so weit, dass weiße Spieler fliegen durften, Schwarze mussten mit dem Zug fahren – sofern sie überhaupt in der Liga spielen durften. Ein „Gentlemen's Agreement“ wurde 1930 von Teambesitzern ausgehandelt. Damit war aber kein Legionärslimit beschlossen. Es schloss Schwarze zwischen 1933 und 1945 schlichtweg vom gut bezahlten Spielbetrieb aus.

Tabubruch mit „Negro League“

Heute stellen Afroamerikaner getrost 90 Prozent aller NFL-Spieler, aber nur wenige spielen die Rolle des Passgebers (Quarterback). Auch schwarzen Cheftrainer gab es in der NFL von 1921 bis 1989 keinen! Erst Art Shell (Oakland) durchbrach dieses Tabu in der Führungsetage. Und erst 2007(!) sollte mit Tony Dungy (Indianapolis) der erste schwarze Head-Coach die Meisterschaft gewinnen. Amerika hatte aber noch immer seine Grenzen: 2008 wurde erstmals mit Mike Carey ein Afroamerikaner als Schiedsrichter für das Milliardenspektakel „Super Bowl“ nominiert.

Neben Football gilt Baseball in Amerika als der Volkssport schlechthin. 1947 sollte mit Jackie Robinson der erste Spieler aus der „Negro League“ in die Major League wechseln. Er erhielt Morddrohungen, und um weiteren Problemen zu entgehen, mussten die Brooklyn Dodgers ihr Trainingscamp von Florida nach Kuba verlegen. Es sollte bis 1962 dauern, ehe das seit 1876 als Business institutionalisierte Baseball einen schwarzen Cheftrainer erleben konnte: Buck O'Neil übernahm die sportliche Leitung der Chicago Cubs.

Schwarze Sportler wurden missachtet und von eigenen Teamkollegen als „Nigger“ beschimpft. So erging es Basketballer Earl Lloyd, der 1950 als erster Schwarzer für Washington in der National Basketball Association mitspielen „durfte“. „Scheiß Nigger“ war die tägliche Begrüßung – mitunter auch im eigenen Klub. 1966 setzten die Boston Celtics den ersten Schritt: Korblegende Bill Russell wurde der erste Afroamerikaner, der in der NBA als Cheftrainer arbeitete. Seine Ernennung sorgte im elitären Boston aber anfangs für gehörigen „Zündstoff“.

1968 sorgten Tommie Smith und John Carlos bei den Olympischen Spielen in Mexico City für den Eklat, als sie auf dem Podest stehend mit dem „Black Power Salute“ gegen die Diskriminierung in Amerika demonstrierten. Die Folge? Sie wurden vom IOC sofort von den Spielen ausgeschlossen, vom US-Komitee suspendiert.

Der letzte „Change“

Von Verfolgungen oder gar Ausschlüssen ist heute in Amerikas Spitzensport keine Spur mehr, im Gegenteil. In der Gegenwart sind Namen wie Muhammad Ali, Michael Jordan, Venus Williams oder Tiger Woods weltweit ein Begriff, und in der Football-, Basketball- oder Baseball-League spielen großteils Afroamerikaner.

Sie sind durchwegs respektiert – als Menschen, Werbeikonen, Idole und Sportler. Heute werden schwarze Stars in Amerika wie Helden gefeiert, sogar Hollywood (2002 gewann Schauspielerin Halle Barry erstmals den Oscar) hat dieser Veränderung Tribut gezollt. Amerika scheint reif, auch auf allerhöchster Führungsebene den „Change“ zu vollenden. Die Nation dürfte Barack Obama den Ball zuspielen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2008)

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