Bei RTL geben sich neuerdings gleich ganze Firmen die Blöße des Vorsingens. Neue Variante des Phänomens "Jeder kann ein Star sein".
Es soll ja Leute geben, die immer noch gerne dabei zuschauen, wenn mehr oder minder begabte Durchschnittsmenschen auf Popsternchen getrimmt werden. Falls denen das in der x-ten Auflage ein bisschen tot gefahrene Castingshow-Format à la "Starmania" (apropos: Wann löst der ORF eigentlich das "Das Beste kommt noch"-Versprechen ein?) zu langweilig geworden ist: RTL hat seit kurzem eine neue Variante des fröhlichen Talente-Suchens. Eigentlich sogar zwei. Im Hauptabendprogramm zeigt der Privatsender samstags eine Neuauflage von "Das Supertalent", in der nicht nur vermeintliche Sangestalente, sondern auch Trapezkünstler, diverse Vogelstimmen- und Baywatch-Rettungsschwimmer-Imitatoren ihre 15 minutes of fame (oder eigentlich nur fünf, genügt aber) bekommen. Dabei sitzen Bruce Darnell und Dieter Bohlen in der Jury, was das Ganze recht amüsant macht, weil Ersterer auch mal vor Rührung über die getroffenen Töne (kommt ja so selten vor) weint, Letzterer natürlich nicht.
Danach folgt "Die singende Firma", in der das Moderatorenduo Ross Antony (vormals "Bro'Sis", wer sie noch kennt) und Inka Bause, die Frau mit dem zweifellos seltsamsten Namen im deutschen TV, in Firmen fahren und dort die Belegschaft auf etwaige Gesangsbegabung untersuchen. Vor laufender Kamera, natürlich.
Da sind dann doch ziemlich viele dabei, die Fixstarter für ein Ticket für die "Leider nein"-Kategorie bei DSDS oder Starmania wären. Beim Zusehen schwankt man zwischen Fremdschämen und Belustigt-bis-fassungslos-Zusehen und hofft gleichzeitig, dass der eigene Chef das "Die singende Firma"-Team niemals ins Büro lassen würde.
Aus der Masse an Talentfreiheit suchte Ross in einer Bäckerei in Essen dann die fünf Mitarbeiter aus, die noch am ehesten so etwas wie Kurzzeit-Popstar-Begabung hatten, Kollegin Bause tat das gleiche bei den Stadtwerken Hamm. Bis zum Auftritt in der Show wurden dann Gesangslehrer und Tanz-Coaches rangelassen, die versuchten, zu retten, was zu retten ist.
Das Resultat beim Live-Vorsingen war in einem Fall (den Stadtwerke-Menschen) halbwegs passabel (der Maßstab ist hier ja mittlerweile relativ niedrig), im anderen Fall eher weniger. Die Performance der Bäcker erinnerte stark an eine Musical-Aufführung aus der Schulzeit: Eh lieb gemeint und bemüht, aber letztlich doch ziemlich peinlich. Was die Eltern (in dem Fall das RTL-Studio-Publikum) aber nicht bemerken, vor lauter Rührung und Stolz, dass die Kinder auf der Bühne stehen.
Das war die schlechte Nachricht. Es gibt aber auch zwei gute: Für das Team-Building in diesen Firmen war das gemeinsame Lied-Einstudieren sicher ungemein gut. Und im Unterschied zu "Starmania", dessen Kurzzeit-Sternchen eine Zeit lang die mediale Aufmerksamkeit bekommen und dann Monate später mit einem "Der schnelle Erfolg und der rasante Abstieg danach haben mich depressiv gemacht"-Abschiedsinterview noch einmal auftauchen, verschwinden die singenden Firmen wohl gleich wieder aus dem Rampenlicht. Aber immerhin: Sie hatten ihre 15 minutes of fame. Das war genug.