Wiedergutmachung mit Spitzenschuh

Während der Pausen in der jüngsten Wiener Ballettpremiere kam es auch zu Diskussionen über die Musik.

Die Arrangements aus Werken von Franz Liszt, die John Lanchbery zur Anregung der Fantasie des meisterlichen Kenneth MacMillan angefertigt hat, konfrontierten das Wiener Publikum mit Klängen, die sie im Konzertleben so gut wie nie zu hören bekommen. Pianisten wagen sich zwar hin und wieder an die große h-Moll-Sonate Liszts. Doch im Übrigen führt das Schaffen des in seiner Zeit als Neuerer und Vorkämpfer der Avantgarde geschätzten Komponisten ein Schattendasein.

Dabei hat Liszt in seinem Feuergeist romantisches Virtuosentum eines Paganini mit ungeahntem Zukunftspotenzial zu vereinen vermocht. In manchen der für das Ballett drastisch (wenn auch mit Geschmack) zusammengekürzten Werke wird rasch fühlbar, wie wichtig Liszt nicht nur als Ideenbringer für Richard Wagner, sondern auch für folgende Generationen bis Bartók war. Die Musik zum getanzten Kronprinzendrama in der Staatsoper umfasst auch die gesamte Geschmackspalette, von der umstürzlerischen harmonischen Abenteuerlust bis zu jenem Zug zum Pathos und ungeschminktem Gefühlsüberschwang, den man dem Meister noch posthum gern vorwirft – mit ein Grund dafür, dass seine Musik kaum gespielt wird.


Hinzu kommt, dass die Nationalsozialisten eines der formal besten, musikalisch inspiriertesten Werke, die Tondichtung „Les Préludes“, Anfang der Vierzigerjahre für Propagada-Zwecke schamlos missbrauchten. Liszt daraus einen Strick zu drehen, ist freilich grotesk. Es wäre längst an der Zeit, sich mit seinem Schaffen auf breiter Basis wieder ernsthaft auseinanderzusetzen. Von der grandiosen „Faust-Symphonie“ bis zu den „Transzendenten Etüden“ (das waren die wichtigsten Steinbrüche für die „Mayerling“-Musik), von kühnen späten Klavierwerken bis zur hingebungsvollen Romantik der „Années de pèlerinage“ warten Schätze darauf, wieder gehoben und ins Bewusstsein der Musikwelt zurückgeführt zu werden.


wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2008)

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