Wieso nicht einmal George W.Bush die US-Hegemonie in der Populärkultur erschüttern konnte.
"Wir hatten weder Eis (auf den Teichen oder in den Drinks) noch gute Pizzas oder Eight-Track-Stereogeräte in unseren Autos, Swimmingpools hinterm Haus, Pastrami, fast acht Zentimeter dicke Sandwiches, Shoppingmalls, Multiplex-Kinos, La-Z-Boys oder Hot Dogs in unseren Sportstadien. Ich weiß, es waren die sorgenfreien Mittelschicht-Suburbs in Connecticut, die es mir angetan hatten, und dass Millionen von Amerikanern arm waren und unter hässlichen und harten Bedingungen leben mussten. Aber ich war ein Kind aus der Mittelschicht und lebte in einer sorgenfreien englischen Vorstadt, und die war kein Vergleich.“
Diese Zeilen sind aus einem Kapitel der „31 Songs“ des britischen Erfolgsautors Nick Hornby. Es beginnt mit dem Satz: „Ich war schon sehr früh, mit etwa sieben oder acht, in die USA vernarrt.“ Als Hornby sieben war, 1964, zitterte man in Popkultur-Amerika vor der „British Invasion“, die in Form von Beatles, Stones & Co. über die USA kam. Dennoch keimte in Hornby damals der „unauslöschliche Eindruck, dass praktisch alles irgendwie Interessante auf der anderen Seite des Atlantiks besser war“.
Schon die Geografie. Chuck Berrys Song „Route 66“ ist hauptsächlich eine Liste von Städten: „Well it goes from St.Louis, down to Missouri, Oklahoma city looks oh so pretty, you'll see Amarillo, Gallup, New Mexico, Flagstaff, Arizona, don't forget Winona, Kingsman, Barstaw, San Bernadino...“ Die Rolling Stones sangen diesen Song nach, 1963, bevor sie ihre erste Amerikatournee antraten: Die Aufzählung der Städtenamen klingt bei aller Coolness wie ein Register der Sehnsucht. Endstation Kalifornien. Peter Handke hatte in „Der kurze Brief zum langen Abschied“ dasselbe Ziel, auch ein anderer Chuck-Berry-Song: „Left my home in Northfolk, Virginia, California on my mind...“ Der Song hieß „Promised Land“, er ist nicht der einzige dieses Namens. Der vielleicht berühmteste ist von Bruce Springsteen, er handelt von verwehten Träumen und dunklen Wolken, „working all day“ und „driving all night“, aber der Refrain ist: „I believe in a promised land.“
In den Westen, in den Abend
Das ist bei Springsteen topologisch nicht unbedingt im Westen, gefühlsmäßig schon: Im Westen leuchtet die letzte Sonne, darum ist Amerika auch das ultimative Abendland. Nach Westen hin offen, wenn's dort nicht weitergeht, dann in den Weltraum. (Oder in eine Utopie.)
Das Sehnsuchtsland Amerika hat alles Bush-Bashing überstanden: Im Pop ist längst das Genre „Americana“ etabliert, das von diesen Sehnsüchten zehrt, es ist in Europa mindestens so erfolgreich wie in Amerika. Dass viele Texte einschlägiger Bands wie Calexico, Giant Sand, Lambchop & Co. amerikanische Zustände gar nicht affirmativ schildern, schadet der Sehnsucht genauso wenig wie Bob Dylans Ortung des „Highway61“ gleich neben der „Desolation Row“. „This Land Is Your Land“, dieses für europäische Ohren fast übertrieben patriotische Lied, ist von einem Linken: Woody Guthrie.
Das offene Land: Keine Ladenöffnungszeitendebatte, ohne dass einer mit leuchtenden Augen erzählt, dass in Amerika irgendwelche Geschäfte 24Stunden offen halten. „Yankee detectives are always on the TV / 'cause killers in America work seven days a week“, kommentierten „The Clash“ 1977 in „I'm So Bored With The USA“.
Es nützt nichts. Selbst die tristesten Shoppingmalls, die sinnlosesten Konsumgüter sind imprägniert mit dieser Aura der Weite, des Aufbruchs. Ohne dieses Aroma wäre ein Hamburger eine Fleischlaberlsemmel und Los Angeles Liesing-Atzgersdorf. Es überlebt jeden „Change“. Plakativ gesagt: Wenn das Cola light uns in den nächsten Jahren mehr an F.D.Roosevelts „New Deal“ erinnern sollte als an die Reagonomics, wird es erst recht gut schmecken. Und Bruce Springsteen singt sowieso dazu.
Fünf grosse US-Songs
■Simon & Garfunkel: „America“
■The Clash: „I'm So Bored With The USA“
■Talking Heads: „The Big Country“
■Chuck Berry: „Promised Land“
■Bruce Springsteen: „The Promised Land“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2008)