Wie US-Romane mit der Apokalypse und dem Western spielen – und die Gegenwart treffen.
Man muss nicht in die USA reisen, um die USA zu mögen – es genügt, sich mit der Literatur dieses Landes anzufreunden, das zuletzt durch seine aggressive Politik einen beträchtlichen Imageschaden erlitten hat. In seinen Romanen entdeckt man jenes reflexive, vor Ideen sprühende Amerika, das im Zynismus der acht Jahre Präsidentschaft von George Bush junior untergegangen zu sein schien. Im Nobelpreiskomitee hat es sich zwar noch nicht herumgesprochen, aber „The Great American Novel“ wird heute noch geschrieben, nur Weniges in der Weltliteratur kann sich mit dem US-Roman messen.
Seit mindestens 60 Jahren. Werke wie Norman Mailers „The Naked and the Dead“ (1948), die große Abrechnung mit dem Krieg, waren stilbildend, damals schrieben auch noch Großschriftsteller wie Ernest Hemingway, John Steinbeck, Dorothy Parker, Thornton Wilder und William Faulkner. Das Amerikabild ihrer Bücher hat Generationen geprägt, die US-Armee brachte sie als Erziehungsprogramm mit nach Europa. Ende der Fünfzigerjahre begannen Joseph Heller, Truman Capote, Thomas Pynchon zu schreiben, Saul Bellow und Philip Roth waren damals bereits berühmt. „I am an American, Chicago born“, teilt der Held in Bellows „The Adventures of Augie March“ (1953) mit. Er will eine amerikanische Story erzählen, aus dem intellektuellen Milieu Chicagos, nicht bloß eine Immigrantengeschichte.
Im Dickicht der Vorstädte
Auch Philip Roth erzählt seit einem halben Jahrhundert so eine Geschichte, auf höchstem Niveau, in bisher mehr als zwei Dutzend Romanen, ein verdichteter Text über die USA ist das, eine Fundamentalkritik des westlichen Lebensstils, zuweilen auch eine Abrechnung mit der Großmacht. Kernstück sind wohl jene Werke, die von Roths Alter Ego Zuckerman handeln, neun Romane bisher, die 1979 mit „The Ghost Writer“ begannen und zu „Exit Ghost“ (2007) führen.
Updike, Gass, Reed, Barthelme, Vonnegut, Barth, Oates, Cheever, Proulx, Morrison, Ford – die Liste erstklassiger Schriftsteller, die ein erschreckend wahrheitsgetreues Bild ihres Landes liefern, ist lang. Bei ihnen erfährt man, was es heißt, im Dickicht der Vorstädte von Metropolen, im verführerischen Big Easy des Südens oder irgendwo auf dem weiten Weg in den Westen des gelobten Landes zu leben.
Manchmal erhält diese Welt apokalyptische Züge; die Western-Romane Cormac McCarthys etwa, der 2007 für „The Road“ den Pulitzerpreis erhielt, sind unheilvoll, so wie auch die Finanzwelt, die William Gaddis 1975 prophetisch in seinem gut 1000 Seiten umfassenden Buch „JR“ entstehen lässt. Auch Don DeLillos nicht minder anspruchsvolles, ausuferndes Meisterwerk „Underworld“ (1997), dessen Handlung vielstimmig von 1951 bis in die Neunzigerjahre führt, ist ein auf dunklem Untergrund gemaltes Sittenbild der USA, eines gewalttätigen, verseuchten Landes.
Ewig junge Aeronauten
Schließlich ist vor zwei Jahren auch noch Thomas Pynchon, der 1973 mit „Gravity's Rainbow“ einen Jahrhundertroman geschrieben hat, ein außergewöhnliches Spätwerk gelungen. Sein 2006 veröffentlichtes Buch „Against the Day“ ist der Moderne und ihren Verfehlungen auf der Spur, er führt in Dutzenden Nebenhandlungen auf verschlungenen Pfaden von der Weltausstellung in Chicago 1893 bis nach dem Ersten Weltkrieg. Ein historischer Roman? Eine Abenteuergeschichte aus der Kreativphase des Kapitalismus und der entfesselten Wissenschaft? Man kann auch fundamentale Kritik an den gegenwärtigen Zuständen in den USA herauslesen. Oder Hoffnung schöpfen mit einer Handvoll junger Aeronauten, die typisch amerikanisch sind: ewig jung und immer optimistisch.
FÜNF GROSSE US-ROMANE
■Saul Bellow: „Herzog“
■William Gaddis: „JR“
■Philip Roth: die „Zuckerman Novels“
■Don DeLillo: „Underworld“
■Thomas Pynchon: „Against the Day“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2008)