In der Geisterbahn

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Wer soll nach dem Immofinanz-Skandal in Wien Aktien kaufen?

Begleiten Sie mich heute ein kleines Stück durch die Immofinanz-Geisterbahn. Bitte anschnallen, Schwindelfreiheit ist allerdings Voraussetzung.

Wir starten bei einer Immofinanz Beteiligungs AG (Ibag). Die trägt „Immofinanz“ im Namen und hat ihre Adresse am Firmensitz der Immofinanz. Aber nur zufällig, wie der frühere Immofinanz-Chef treuherzig sagt. Sie hat nämlich mit der Immofinanz „absolut nichts“ zu tun. Der Immofinanz-Finanzchef ist auf den dortigen Konten halt zufällig zeichnungsberechtigt, wie das Leben so spielt.

Diese Ibag hat ein Grundkapital von 72.670 Euro, davon 18.167,50 Euro einbezahlt – und begibt einen „Corporate Bond“ über 900 Millionen Euro, den die Immoeast zeichnet und in ihre Bücher nimmt.

Oder auch nicht: Die Ibag hat zwar kein Personal, aber einen Vorstand. Einen Ex-Notar, der den ehrenamtlichen „Pro-Forma-Vorstand“ mimt. Obgleich: So sicher ist auch das nicht. 2004 wurde nämlich angeblich „vergessen“, dessen Vertrag formell zu verlängern. Dieser Vorstand weiß von der Begebung der 900 Mio. Euro-anleihe nichts. Was aber auch noch nichts zu sagen hat. Bis vor kurzem hat er nach Eigenangaben ja auch die Kontonummer der „nicht operativen“ Gesellschaft, der er vorsteht, nicht gewusst.

Irgendwie muss das mit dem „Corporate Bond“ aber doch funktioniert haben, denn ein paar hundert Mio. Euro wurden ja zurückgeführt. 520 Mille sind freilich noch offen (aber besichert, wobei der Besicherer davon ausgeht, dass die Besicherung nicht rechtswirksam ist) – und die werden jetzt im Firmen- und Kontengewirr verzweifelt gesucht.

In der Gruppe werken (und/oder haben gewerkt) eine Reihe von Aufsichtsräten mit klingenden Namen. Die meisten aus der ehemaligen Creditanstalt (die aber nicht deshalb vom Markt verschwunden ist). Was die (außer dem regelmäßigen Eingang der Aufsichtsratstantiemen auf ihren Konten) so beaufsichtigt haben, gehört zu den ungelösten Rätseln der Weltgeschichte.

Das Ganze hat sich aber auch unter den Augen von Notenbank, FMA, Wirtschaftsprüfern etc. abgespielt. Die können sich zwar nicht um jeden Schmarren – wie die Existenz oder Nichtexistenz einer 900-Mio.-Euro-Unternehmensanleihe einer nichtoperativen „Quetschn“ mit ehrenamtlichem Vorstand – kümmern. Aber die inkompatible Konstruktion der ganzen Gruppe (die solchen Irrsinn erst ermöglicht hat) zu hinterfragen, wäre ihnen nicht verboten gewesen.

Und jetzt die Frage: Würden Sie in einem Kapitalmarkt, in dem so etwas möglich ist, ohne dass der Staatsanwalt hörbar mit den Handschellen rasselt, in Wertpapiere investieren wollen? Sehen Sie!


josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2008)

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