Volkstheater: „Rücktritt sofort!“

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Kulturstadtrat Mailath zahlt noch 200.000 Euro. Autor Gustav Ernst kritisiert Schottenberg.

Wenn Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg weiterhin so wenig Interesse an zeitgenössischer Dramatik hat, soll er sofort zurücktreten! Seinen Vertrag zu verlängern, halte ich für einen groben Unfug!“ Der österreichische Autor Gustav Ernst reagiert zornig auf das „Presse“-Interview mit Schottenberg und dem kaufmännischen Geschäftsführer des Volkstheaters (VT), Thomas Stöphl, in der Wochenend-„Presse“. Die beiden hatten weiteren Finanzbedarf von 1,4 Mio. Euro angemeldet und Investitionen für sechs Mio Euro gefordert.

Ernst: „Das Volkstheater ist zwar ein Riesenhaus, es bekommt aber auch eine Riesensubvention. Jetzt will man noch mehr Geld. Ich habe geglaubt, ich träume. Von mir aus soll das VT mehr bekommen. Aber Schottenberg kann nicht nur die alten Hadern durchdreschen. Mir geht der Shakespeare im Burgtheater auch schon auf die Nerven.“ Unter Schottenbergs Vorgängerin Emmy Werner gab es mehrere Aufführungen von Stücken Gustav Ernsts, darunter „Tausend Rosen“ oder „Lulu“. Handelt es sich da vielleicht um persönlichen Frust?

„Nein. Natürlich soll Schottenberg Gustav-Ernst-Stücke spielen, aber das ist nicht der Grund. Mir gefällt das Schauspielhaus sehr gut – und das spielt auch keine Stücke von mir, weil sie nur junge Autoren haben. Vielleicht machen sie ja einmal eine Altenschiene. Ich will auch nicht vergleichen. Es ist ja klar, dass Schottenberg was anderes macht als Emmy Werner. Tatsache ist, dass bei Werner Unmengen von österreichischen und anderen zeitgenössischen Autoren gespielt wurden, nicht nur Jelinek oder Jonke – und auch nicht nur auf der großen Bühne, in verschiedenen Räumen“, betont Ernst.

Schmied oder Marboe als Kunstminister

Ist es nicht legitim, dass Besucher sich abends erholen wollen bei Aufführungen wie „Sonny Boys“ mit Peter Weck und Harald Serafin? Ernst: „Meine Art der Unterhaltung ist das nicht. Ich finde, man sollte große Schauspieler animieren, neue Texte zu spielen. Wenn ein altes Stück nicht geht, ist nie das alte Stück schuld, sondern immer etwas anderes. Wenn ein neues Stück nicht geht, ist es immer das Stück. Ich denke, es gibt genug heutige Autoren, die imstande sind, Häuser zu füllen, Franzobel z.B. Man muss es einfach wollen und sich dafür interessieren, aber beim Volkstheater habe ich den Eindruck, es gibt gar kein Interesse.“

Die SPÖ, der Ernst wie Schottenberg nahestehen, hatte als Partei der Kunst immer einen besseren Ruf als die ÖVP: „Das ist vorbei. Es gibt einige der Kunst nahe stehende Persönlichkeiten, die gibt es aber in der ÖVP genauso. Die Masse der SP-Wähler interessiert sich einen Tinnef für Kunst“, meint Ernst. Falls Claudia Schmied Kunstministerin bleibt, wäre ihm das durchaus recht: „Dass unsere Anliegen bei ihr mit der Zeit auf offene Ohren stoßen, ist bei Schmied leichter gegeben als bei anderen.“ Und falls die VP den Kunstminister nominiert, würde sich Ernst Peter Marboe wünschen.

Seit Monaten stellt das Volkstheater immer neue Forderungen, die Reform scheint nicht gerade rasant voranzugehen – die Vertragsverlängerung für Schottenberg bis 2015 scheint aber ziemlich wahrscheinlich.

Sie ist wahrscheinlich, aber nicht sicher, meinte Montag auf Anfrage der „Presse“ der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. Erst müsse das Ergebnis der laufenden Prüfung der Finanzgebarung abgewartet werden. Außerdem gibt es Gespräche mit dem Bund. Den bereits gewährten 300.000 fügt die Stadt für die laufende Saison weitere 200.000 Euro hinzu, „also insgesamt 500.000 Euro“, betont Mailath. Er finde Schottenbergs Theaterführung gut: „Er macht Volkstheater, im besten Sinne des Wortes. Er hat ein hervorragendes neues Schauspielerensemble. Er hat bewiesen, dass er mit vergleichsweise minimalen Mitteln gutes Theater machen kann. Das Theater funktioniert. Dass es auch in Zukunft mehr Geld bedarf, das Haus Investitionen braucht, ist mir bewusst“, erklärt Mailath.

ZUR PERSON

Gustav Ernst (64), Wiener, studierte Philosophie, Geschichte, Germanistik. Er arbeitete für die Literaturzeitschrift „Wespennest“. Sein „Faust“ war im Schauspielhaus zu sehen. Sein jüngstes Buch heißt „Helden der Kunst, Helden der Liebe“ (Sonderzahl-Verlag).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2008)

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