Ein Quantum Tomatensaft!

James Bond ist auch in Fragen der Getränkebestellung kein Vorbild für den dezenten Mann.

Das ist ja eine Volksetymologie!“ Scharf rügt mich eine Leserin dafür, dass hier letztens von einem „Quäntchen Trost“ die Rede war, offensichtlich in Anspielung auf den neuen James-Bond-Film „A Quantum of Solace“ („Ein Quantum Trost“). Doch das Quäntchen sei in Wahrheit ein „Quintchen“, komme vom alten deutschen Handelsgewicht Quint (der fünfte Teil eines Lots) und nicht vom Quantum, sagt die Strenge.

Sie hat recht, aber das ist mir egal: Die falsche Ableitung gefällt mir viel besser als die richtige, auch die Physiker sollten bisweilen bescheiden von Quäntchen statt von Quanten (und jedenfalls nie von Quintessenz) sprechen, finde ich.

Wenn einen das Leben vor eine Theke stellt, sagt man weder Quäntchen noch Quentchen noch Quintchen, man sagt nicht „Hallo, Sie!“, nicht „Sehr trocken, bitte“ und auch nicht „Geschüttelt, nicht gerührt“, das sagt nicht einmal mehr 007.

„Do I look like I give a damn?“, antwortete der Agent seiner Majestät schon in „Casino Royale“ auf die devote Frage eines Barkeepers, ob er seinen Martini „shaken or stirred“ wolle, und so weit ich davon entfernt bin, James Bond cool zu finden – das ist eine gute Gegenfrage. Sie hat geradezu etwas Wienerisches an sich, erinnert z.B. an eine klassische „Kottan“-Szene: Lukas Resetarits als Major Kottan, den es in ein etwas überambitioniertes Wirtshaus verschlagen hat (mit singenden Nonnen usw.), wird vom leicht näselnden Kellner gefragt: „Haben Sie schon die Weinkarte studiert?“ „Nicht notwendig“, repliziert er mit Verve: „Ein Viertel!“

Noch knapper ist der Thekendialog des Inspektors Pokorny im Krimi „Kurzer Prozess“ (1967): „Ein Achterl.“ – „Weiß oder rot?“ – „Slibowitz.“ Im Privatleben soll Helmut Qualtinger laut Anekdote eine Gegenfrage verwendet haben: „Haben S' schon ein' roten Slibowitz g'seh'n?“


Am würdigsten ist freilich die wortlose, nur gestisch ausgeführte Getränkebestellung. Samuel Beckett schildert eine solche in „Mercier und Camier“: „Camier hob einen imaginären Schoppen, was man an seinen gekrümmten Fingern erkannte. Den echten leerte er langsam in einem Zug.“

Wenn es doch der Worte bedarf, ist Knappheit geboten. Wer z.B. verflüssigte Paradeiser schätzt, auf Salz, Pfeffer, Tabasco und ähnliches Gschisti-gschasti aber verzichten kann, sagt nur: „Einen Tomatensaft. Ohne Theater.“ Das Analogon mit dem jahrzehntelang über seinem Wert gehandelten Ethnobrand Tequila wirkt allerdings prätentiös – im Gegensatz zur radikalen Antithese: „Salz und Zitrone. Ohne Tequila.“ Ein schönes Beispiel für eine Bestellung, die man am nächsten Tag nicht bereut.

James Bond trinkt übrigens, wie ich gewöhnlich zuverlässigen Quellen entnehme, auch gern Jasmintee. Ich bin gerührt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2008)

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