Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Korsika: Revolte auf der störrischen Mittelmeerinsel

(c) AP (Bob Edme)
  • Drucken

Villenbesitzer im Visier von Einheimischen: Die Luxus-Domizile wurden oft ohne Genehmigung gebaut.

Paris. Frankreichs bekanntester Werbeunternehmer Jacques Séguéla darf seine 600 Quadratmeter große Traumvilla mit Blick aufs Mittelmeer im Süden Korsikas nahe der Hafenstadt Bonifacio nun doch nicht bauen. Das Verwaltungsgericht hat ihm aus Naturschutzgründen die Bewilligung entzogen. Nun ist Jacques Séguéla wütend und vermutet politische Motive hinter dem Entscheid der korsischen Justiz: „Durch mich ist Nicolas Sarkozy anvisiert.“ Mit dem französischen Staatschef ist der Werbefachmann nämlich per Du, aber auch das hat ihm in diesem Fall (vorerst wenigstens) nicht viel genutzt.

Denn um den Bau von Luxusvillen durch Franzosen vom Festland wird eine hitzige Debatte geführt. Korsische Nationalisten verteilen sogar Flugblätter in fremdenfeindlichem Tonfall, auf denen sie „ausländischen Eigentümern“ drohen. Auch andere Prominente, die auf diesem Stück unverschandelter Uferlandschaft ihre Ferienresidenzen bauen wollten, müssen damit rechnen, dass die Genehmigung rückgängig gemacht wird. Diese hat der inzwischen abgewählte Bürgermeister von Bonifacio erteilt, ein Mitglied von Sarkozys Regierungspartei. Er hatte gegen die Bauvorhaben von Festlandfranzosen, die sich teils unverblümt auf die Protektion durch den Staatschef beriefen, nichts einzuwenden.

Mehrere Verwaltungsbeamte aber, die unter Berufung auf den Landschaftsschutz in dieser noch unverbauten Uferzone die Baubewilligungen verhindern wollten, wurden versetzt. Auch der für die Sicherheit auf der Insel zuständige Polizeichef wurde auf Weisung der Staatsspitze getadelt und abgesetzt.Er hatte nicht verhindert, dass eine Handvoll Demonstranten aus Protest gegen die Überbauungspläne bei Bonifacio den Garten der Villa des Filmschauspielers Christian Clavier besetzten.

Das Anwesen dieses Busenfreunds des Staatschefs wird seit diesem Zwischenfall rund um die Uhr auf Staatskosten von zehn Gendarmen bewacht. Angeblich hat Clavier, der sich nur wenige Tage im Jahr dort aufhält, Drohbriefe erhalten. Die korsische Raumplanungspolitik ist seit jeher ein Zankapfel zwischen dem französischen Zentralstaat und einheimischen Autonomisten. Mitglieder der diversen Zweige der Untergrundbewegung FLNC zerstören regelmäßig mit Sprengstoff ganze Siedlungen von „Auswärtigen“. Gemeinsam mit Umweltaktivisten beschuldigen sie die Regierung, geschützte Gebiete zu Bauzonen erklären zu wollen.

 

Das Zittern vor dem Konkurs

„Die Lage ist explosiv“, warnt der jetzige sozialistische Bürgermeister von Bonifacio, Jean-Charles Orsucci. Da sein Vorgänger Baugenehmigungen gewährt hat, die den Gesetzen zum Schutz der Uferlandschaften zuwiderliefen, könnten sich die zahlreichen Bauherren, deren Pläne vom Gericht durchkreuzt werden, mit finanziellen Millionenforderungen gegen die Gemeindebehörden wenden. Bonifacio riskiere den Konkurs. Bürgermeister Orsucci hat gegen seinen Vorgänger eine Klage wegen Amtsmissbrauchs und Begünstigung eingereicht.

Bei der Debatte über den Plan zur nachhaltigen Entwicklung und Bodennutzung auf Korsika werden sich aber exakt dieselben Probleme ergeben wie in Bonifacio. „Und wenn die ganze Insel vor derselben Situation steht wie wir, wird das nicht eine Revolte, sondern eine Revolution auslösen“, befürchtet der Bürgermeister.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2008)