Erdkunde: Fällt kein Regen, fallen Dynastien

Tropfstein aus China zeigt verblüffende Parallele von Monsun und Macht.

Im Jahr 860 brach das Reich der Maya in Mittelamerika abrupt zusammen. Kurz darauf, 876, begannen in China die letzten Tage der Tang-Dynastie, 907 war sie zu Ende. So steht es in den Büchern, dort sind die Hungersnöte und politischen Wirren beschrieben. Aber wo kamen sie her? Und ist der zeitgleiche Zerfall der beiden Reiche reine Koinzidenz? Das steht in anderen Archiven, sie sind aus Stein und schwerer lesbar, haben aber den Vorteil, dass sie nicht von Geschichtsschreibern verzerrt worden sind. Bei den Maya sind das Meeressedimente, sie zeigen, dass es ab 750 trockener wurde und um 860 drei Dürrejahre kamen, die brachten das System zu Fall – es hatte an den ökologischen Grenzen gewirtschaftet und konnte den Klimawandel nicht abfedern (Nature, 299, S.1732).

In China wurde es auch trocken, das zeigen Tropfsteinhöhlen bzw. das, was von den Decken und aus dem Boden wächst, „Speläothem“, „Höhlensinter“. „Versteinertes Wasser“ nennt es erklärend Dominik Fleitmann (Geologie, Uni Bern): Das wächst zwar nicht aus Holz, sondern aus Kalziumkarbonat, aber es wächst wie Holz, in Jahresringen, zumindest dort, wo auch der Niederschlag über das Jahr variiert, etwa in Regionen, in denen einmal jährlich der Monsun kommt. Seine Stärke zeigt sich in der der Ringe – es liegt am Kohlendioxid, das mit dem Sickerwasser in die Erde gerät und das Karbonat mitbildet –, dann muss man nur noch das Alter bestimmen. Das geht mit Uran (234U), das mit dem Sickerwasser in die Tropfsteine gerät und dort in Thorium (230Th) zerfällt.

„Schlüsselrolle des Klimas“

Über einer Höhle in China – Wanxiang – hat die Erde extrem viel Uran, deshalb konnte eine Gruppe um Hai Cheng (University of Minnesota) extrem fein datieren und die letzten 1810 Jahre in einem Raster von 2,5 Jahren auflösen, vom Jahr 190 bis heute. Zunächst kam der Monsun konstant, ab 530 wurde er schwächer, 860 ganz schwach – die Tang-Dynastie bekam es zu spüren –, dann ging es auf und ab, auf etwa von 960 bis 1020 – der Reis blühte und mit ihm die Song-Dynastie –, ab etwa von 1350 und wieder von 1580 an – das Ende der Yuan bzw. Ming zeichnete sich ab: „Sicher haben auch andere Faktoren die Geschichte Chinas beeinflusst, aber die von uns gefundenen Korrelationen zeigen, dass das Klima eine Schlüsselrolle spielte“, schließen die Forscher (Science, 322, S.940).

„Die Daten sind beeindruckend und passen erstaunlich gut zu den Wechseln der Dynastien“, kommentiert Fleitmann gegenüber der „Presse“, verweist aber auch darauf, dass es andere Daten aus anderen chinesischen Höhlen gibt und die jetzigen eher „regionale Klimavariationen“ zeigen.

Die Forscher sehen das nicht so, ganz im Gegenteil, sie finden Korrelationen nicht nur in der Zeit, sondern auch im Raum, dem der halben Erde: Schwächelnder Monsun deutet auf eine kühlere Nordhalbkugel – der Rückzug/Vormarsch der Gletscher in der Schweiz zeigt das gleiche Muster wie die Wachstumsringe der Wassersteine in China. Wo kommt es her? Von der Sonne bzw. der jeweiligen Stellung der Nordhalbkugel der Erde zu ihr: Die Forscher finden sowohl einen Elf-Jahres-Rhythmus – das ist der, in dem die Sonnenaktivität schwankt – als auch viel größere Rhythmen, etwa einen von 23.000 Jahren, dann ist der Norden der Erde durch Schwankungen der Umlaufbahn der Sonne nahe, der Monsun stark.

Auch diese Erklärung wird nicht jedem gefallen, aber mit dem Zusammenhang ist es ohnehin vorbei: „Seit den 1960er-Jahren wird die Monsunstärke nicht mehr von natürlichen, sondern von anthropogenen Faktoren bestimmt“, Treibhausgase und Aerosole verschieben die Wind- und Niederschlagsmuster, die Monsune werden schwächer. Und die Macht? Das wird sich weisen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2008)

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