Am Markt eröffnet ein zweigeschoßiges Lokal. Mehr davon, sagt das Marktamt. Eine kleine Sensation für Wiens Vorzeigemarkt.
Sind einfach zu viele Leute da oder ist der Naschmarkt schlicht zu klein? Beides wahrscheinlich. Weil die Standler naturgemäß nichts gegen regen Besucherzustrom haben, würden sie gerne Zweiteres, die Enge des Markts, ändern. Immer wieder tauchen Ideen auf, wie man Gastgärten vergrößern, Platz für neue Marktstände schaffen könnte. Das Marktgebiet in Richtung Süden (Pilgrambrücke) erweitern. Oder – die immer wiederkehrende Urban Legend – die U4-Trasse an der Rechten Wienzeile überplatten. Pläne, die stets an der Finanzierbarkeit und dem Nein der Stadt gescheitert sind. An eine Erweiterunghat man bisher nicht gedacht: an die nach oben.
Das ändert sich nun. Das Lokal „Wickerl“, am Südende des Naschmarkts gelegen, wird von den neuen Besitzern Haya Molcho (bisher Co-Chefin im „Tewa“), ihren Söhnen Nuriel und Elior sowie Sabu Topallar („Nautilus“) zu einem zweigeschoßigen Lokal umgebaut. Das Dach wird zum Restaurantbereich, man isst dort ab März 2009 mit „spektakulärem Blick“ (Molcho) von oben auf das Markttreiben.
Eine kleine Sensation für Wiens Vorzeigemarkt (wieso ist das davor noch keinem eingefallen?), deren Nachahmung der zuständige Marktleiter der Bezirke vier bis sieben, Andreas Weber, forcieren möchte: Mit dem Ausbau des ersten Stocks, sagt er, könnten Standler „die dringend notwendigen zusätzlichen Flächen“ schaffen. Das sei theoretisch bei etwa einem Drittel der 120 Stände möglich, die ein sogenanntes „Walmdach“ und kein Flachdach haben. Sie müssten nicht aufstocken (was aus Denkmalschutzgründen nicht erlaubt wäre), sondern schlicht den bisher nicht genützten Dachbereich ausbauen. Mit dem Denkmalschutz, sagt Weber, ginge das konform. Das zeigt auch das Beispiel des „Wickerl“ (das künftig „Neni“ heißen wird), für das die Bewilligungen so gut wie fix seien, da das Lokal bereits eine Genehmigung für die Nutzung des ersten Stock hatte, davon aber nie wirklich Gebrauch gemacht hat. Derzeit werden nur noch Details des Umbaus verhandelt, so Weber.
Standler sollen kreativer werden
„Die Ersten“, sagt der Marktamtsleiter, „haben es immer am schwersten“. Ist einmal der Präzedenzfall geschaffen, könnten andere folgen, „denen wir keine bürokratischen Hürden in den Weg legen wollen“. Eine Bedingung für das Naschmarkt-Wachsen nach oben: Nicht nur Lokale dürfen davon Gebrauch machen, sondern auch Händler, damit die in der Marktordnung vorgeschriebene Flächenverteilung – maximal ein Drittel der Fläche darf von der Gastronomie genutzt werden – „peinlich genau eingehalten wird“.
Wobei Weber bei den Standlern Kreativität und Mut vermisst. „Ein Händler könnte im ersten Stock Kaffee und Brötchen anbieten“, sagt er. Denn laut Gewerbeordnung dürfen Geschäfte auch kleine Imbisse verkaufen. „Auch die Take-Away-Schiene hat sich am Naschmarkt nie etabliert“, sagt er, und sei in der Vergangenheit auch nicht wirklich gefördert worden. Was er nun mit Information der Standler ändern möchte.
Ein weiterer Wunsch an die Standler: Mehr Vielfalt, so abgedroschen es klingen mag. „Es ist kontraproduktiv, wenn fünf Chinarestraurants die gleiche Schiene bedienen und 20 Standler das gleiche anbieten“, sagt er. Das Wasabinuss-Dilemma, wenn man so will. Weber wünscht sich auch mehr Angebot aus dem „Nonfood-Eck“ nach dem Vorbild eines Standlers, der künftig neben Lebensmitteln auch Schmuck verkaufen will. Weber schwebt auch ein Souvenirgeschäft oder ein Schuhreparaturservice vor.
Klingt nach Zukunftsmusik? Keine Frage. Aber zumindest für die „Erste-Stock“-Idee sei nun ein guter Zeitpunkt, findet Weber. Immerhin wird der Markt ab 2010 fünf Jahre lang komplett saniert (Beleuchtung, Gas-, Strom- und Wasserleitungen werden erneuert, Kosten: 13 Millionen Euro). „Da müssen die Standler sowieso Störungen in Kauf nehmen. Diese Zeit könnten sie nutzen, um selbst Adaptierungen durchzuführen und dann phönixartig im neuen Glanz zu erstrahlen.“ Ob das viele Standler, denen Weber „Ängstlichkeit vor unbekanntem Terrain“ bescheinigt, nutzen werden, wird man sehen. Die vielen Leute wären jedenfalls da.
AUF EINEN BLICK
■Das „Wickerl“ am Naschmarkt wird von den neuen Besitzern Haya Molcho und Sabu Topallar komplett umgebaut. Die ersten Arbeiten haben bereits begonnen, am 4. März 2009 soll das Lokal, das dann „Neni“ heißen wird, öffnen: Auf zwei Etagen und insgesamt 160 m Restaurantfläche kann erstmals am Markt auch im 1. Stock gegessen werden. Das Marktamt möchte derartige Ausbauten am Naschmarkt forcieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2008)