Zügle den Gaul, aber erwürge ihn nicht

Vor dem Weltfinanzgipfel spielt eine selbstbewusste EU den Retter in globaler Not. Das ist taktisch klug, aber inhaltlich schwer überzogen.

Ach hätten wir doch auch so hinreißende Redner wie Obama!, seufzen viele Europäer. Zugegeben, rhetorisch verzücken können die EU-Granden nicht. Doch bei Pomp und Pathos ihrer Pläne könnte selbst der neue US-Präsident noch einiges lernen. Sarkozy begründet den Kapitalismus neu, Gordon Brown beschwört die Geschichte, wenn er den G-20-Finanzgipfel in einer Woche mit Bretton Woods vergleicht.

Dazu passt der beliebte Zusatz in Obama-Gratulationen, dass „die USA Europa jetzt brauchen“. Geschickt, dieses übertriebene Selbstbewusstsein. Europa delegiert Themen elegant auf globale Ebene, die es zu Hause nicht lösen kann – etwa eine EU-Bankenaufsicht. Vor allem aber nutzt sie das US-Machtvakuum. Bislang hat Amerika internationale Regulierungen verhindert. Jetzt, so hofft man, könnte ein geknickter Bush eine globale „Finanzpolizei“ akzeptieren.

Doch die EU gefährdet ihre Position, indem sie zu viel will. Statt eine Forderung vorzubereiten, feuert sie ein Zig-Punkte-Programm nach dem anderen ab. Wie bei einem Brainstorming von Ökonomie-Studenten landet alles auf dem Tisch, auch Illusorisches wie eine Weltwirtschaftsregierung und Absurdes wie die Rückkehr zu fixen Wechselkursen. Bei all dem wird vergessen, wie notwendig ein effizienter Finanzmarkt bleibt. Man muss dem störrischen Gaul Zügel anlegen, damit er in die richtige Richtung galoppiert. Doch die EU als Reiter und Retter hätte ihn vielleicht schon bald stranguliert. (Bericht: S. 12)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2008)

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