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Liebe Eltern, es ist jetzt sehr schön in Wien

Passanten stehen im November 1938 in einer Stadt in Deutschland vor einem juedischen Geschaeft, dessen Schaufensterscheiben in der Reichskristallnacht am 9. Nov. 1938 zerstoert wurden
(c) AP

Wien vom „Anschluss“ bis zum Novemberpogrom 1938. Zum 70. Jahrestag der „Reichskristallnacht“: erstmals veröffentlichte Augenzeugenberichte.

In den Tagen, Wochen und Monaten nach dem Novemberpogrom 1938 wurden vom Jewish Centrals Information Office (JCIO) in Amsterdam auf verschlungenen, teils geheimen Wegen 356 Augenzeugenberichte über die Geschehnisse zusammengetragen. Die Originalmanuskripte – über Jahrzehnte in einem dicken roten Lederband zusammengebunden – befinden sich in der Wiener Library in London (das JCIO wurde 1939 dorthin verlegt und 1946 nach seinem Gründer Alfred Wiener in Wiener Library umbenannt). Bei Suhrkamp erscheint kommende Woche die erste vollständige Edition. Im Folgenden Ausschnitte aus drei Berichten aus Wien: „Vom ,Anschluss‘ bis zum Novemberpogrom“.

Bericht über fünf Wochen Polizeihaft ab dem 14. März 1938. Berichterstatter: Univ.-Prof. Dr. med. Theodor Bauer (53 Jahre) aus Wien, jetzt Wassenaar, Niederlande.

Am 14. März 1938 erschienen zwei Leute in Zivil bei mir in der Wohnung und verhafteten mich und brachten mich im Auto, in dem SS-Leute saßen, zur Polizei. Ich wurde dann zu sieben anderen in eine Zelle gebracht, wo ich einen mir bekannten angesehenen Wiener Anwalt und den Justizminister (Ludwig Adamovich sen., Justizminister in Schuschniggs letztem Kabinett, Anm.) antraf. Die Zelle war überauß schmutzig und hatte nur ein offenes Klosett. In der zweiten Nacht wurde ich plötzlich auf den Gang gerufen – in der Zelle brannte die ganze Nacht das Licht – und befand mich dort einem bewaffneten SS-Mann gegenüber, der mich sofort mit den Worten anbrüllte: „Warum liegst du Jude? Ich habe in Frankfurt gelebt und kenne euch Judengesindel.“ Bei diesen Worten boxte er mit zwei wuchtigen Schlägen, nachdem er seine Handschuhe ausgezogen hatte, mit solcher Wucht gegen meinen Kiefer, dass er mir zwei Zähne herausschlug. Ich wankte fast ohnmächtig in die Zelle zurück und wurde von dem Minister mit den Worten getröstet: „Sie müssen sich denken, das ist wie Steinschlag im Gebirge.“

Nach meiner Verhaftung erschienen am Abend um 9½ Uhr mehrere SS-Leute bei der Frau und der 20-jährigen Tochter, trieben sie aus dem Bett und stellten die unglaublichsten Fragen an die Frau, die seit 30 Jahren beschäftigte Ärztin ist. Sie fingen damit an zu fragen: „Wie viel deutsche Frauen hast du um ihre Kinder gebracht, oder treibst du etwa nicht ab?“ Zur Tochter sagten sie: „Du Hure, wie viel Männer hast du schon angesteckt? Verkaufst du auch Kokain?“ Einer fragte nach der Bestimmung des zweiten Bettes in unserem Schlafzimmer und sagte dann: „Du kannst das Bett ruhig abschlagen lassen, dein Hurenkerl kommt nicht wieder, der sieht um fünf Uhr schon die zehn kalten Gewehrläufe.“ Der Anführer sah sich dann Fotografien in einem Karton an und zeigte sie seinen Begleitern mit Bemerkungen wie „Negerfassade“ und „Zigeunerfratze“ herum.

Nach einer Stunde kamen sie wieder. Der Vorgang machte auf meine Tochter einen so furchtbaren Eindruck, dass sie sagte: „Wenn sie uns doch alle drei erschossen hätten, das wäre gescheiter als dieses Leben.“ Die Leute haben dann auch Schmuck und eine Schreibsmaschine mitgenommen.
Einen sehr reichen Fabrikanten in Wien verhaftete man in seiner Villa und unterhandelte in Gegenwart der Frau und der beiden kleinen Kinder – die von der Frau geschlossene Tür zu dem Schlafzimmer der Kinder öffneten die Leute wieder – darüber, ob man den Mann durch den Mund schießen oder wie man ihn sonst beseitigen wollte, evtl. ins Wasser werfen.

Der Fabrikant war Rittmeister und hatte hohe Kriegsauszeichnungen. Ein entlassener Angestellter, von dem diese ganze Aktion offenbar ausging, war Vizebürgermeister von Wien geworden. Gelegentlich des nächtlichen Besuches ließen die Beamten ein Notizbuch zurück, das eine Liste der in unserer Gegend wohnenden Juden enthielt und folgenden Brief: „Liebe Eltern, es ist jetzt sehr schön in Wien, es geht mir gut. Wir können den ganzen Tag den Juden das Geld wegnehmen, wenn ich komme, bringe ich auch was Schönes mit.“

Oskar Hirschfeld, früher Eigentümer und Schriftleiter der jüdischen Wochenzeitung „Die Wahrheit“ in Wien, jetzt London, berichtet über seine dreimonatige Haft in Wien seit dem 18. März 1938, die Inhaftierung anderer Journalisten und die dabei vorgekommenen Verwechslungen.
In den ersten Tagen nach der Annexion Österreichs wurde eine ganze Reihe jüdischer Redakteure Wiener Tagesblätter verhaftet, namentlich solche des „Telegraph“, des „Wiener Tag“, der „Stunde“, des „Neuen Wiener Tageblatt“ und der „Neuen Freien Presse“. Unter den Letzteren befanden sich auch deren langjährige Mitarbeiter Raoul Auernheimer und Ludwig Hirschfeld. Da in den Tagen nach dem Umbruch die Verhaftungen doch nach einem gewissen System, wahrscheinlich auf Grund von langer Hand vorbereiteter Listen, erfolgte, war man sich über den Grund dieser beiden Verhaftungen nicht im Klaren, zumal ja Auskünfte an die Angehörigen prinzipiell nicht erteilt wurden und werden. Denn bei beiden Schriftstellern kamen die Hauptgründe für die damaligen Verhaftungen nicht in Betracht. Weder waren sie besonders vermögend oder spielten im Wirtschafts- und Finanzleben eine Rolle, noch hatten sie sich irgendwie politisch in einem Sinne stärker betätigt, der den Nazis nicht genehm sein konnte.

Raoul Auernheimer war schöngeistiger Essayist und hat eine Reihe belletristischer Bücher geschrieben. Er hat sich niemals politisch exponiert, auch nicht als Vorsitzender des österreichischen P.E.N.-Klubs. Er wurde bald nach seiner Verhaftung nach Dachau gebracht. Besonders krass lag der Fall Ludwig Hirschfeld. Dieser war immer nur humoristischer Schriftsteller, sowohl bei der „Neuen Freien Presse“, bei der er allsonntäglich heitere Betrachtungen schrieb, als auch als Autor ganz auf den Publikumsgeschmack abgestellter Schwänke. Er wurde in Wiener Gefängnissen gehalten.

Seit dem 18. März befand sich ebenfalls in einem Wiener Polizeigefängnis in Haft der Herausgeber und Chefredakteur der „Wahrheit“, Oskar Hirschfeld. Später kamen neue Verhaftete in die Zelle des Oskar Hirschfeld, die erzählten, dass sie im „Schwarzen Korps“ den Namen „Hirschfeld“ und die „Wahrheit“ unter einem Bilde gelesen hätten, es habe sich aber um einen „Ludwig“ Hirschfeld gehandelt, und das Bild habe auch nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihm, Oskar H., gehabt. Schon daraus ging hervor, dass es sich um eine Verwechslung handelte. Dies wurde noch bestätigt durch die Erzählung eines Verhafteten, der von Dachau in das Gefängnis zurückkam, wo er mit Auernheimer zusammen gewesen war. Auernheimer war der festen Meinung, dass er nur wegen seiner intimen Freundschaft mit Ludwig Hirschfeld verhaftet worden sei, Ludwig Hirschfeld aber sei das Opfer einer Verwechslung mit Oskar Hirschfeld, dem Herausgeber der „Wahrheit“, geworden, und man bezichtige nun Auernheimer ebenfalls der Mitarbeit an der „Wahrheit“. Das Bild im „Schwarzen Korps“ stellte tatsächlich Ludwig und nicht Oskar Hirschfeld dar, mit der Unterschrift, dass Ludwig H. nun Gelegenheit habe, in der Haft über seine in der „Wahrheit“ über den Nationalsozialismus verbreiteten Lügen nachzudenken.

Trotzdem es der Gattin Ludwig Hirschfelds möglich war, der Gestapo zu beweisen, dass ihr Gatte infolge einer Verwechslung verhaftet worden sei – sie legte eine Bestätigung der „Neuen Freien Presse“ vor, wonach ihr Mann als langjähriger Mitarbeiter dieser Zeitung durch Kontrakt verpflichtet war, an keiss1;-6ner anderen Wiener Zeitung zu arbeiten –, dauerte es noch volle vier Wochen, bis Ludwig Hirschfeld entlassen wurde. Er hat also acht Wochen für einen anderen, der inzwischen auch verhaftet war, sitzen müssen.

Bericht eines Augenzeugen über die Verfolgungen in Wien von März bis Oktober 1938 und den Novemberpogrom bis zur Ausreise in die Niederlande am 24. November.

Ich war bis zum 24. November 1938 in Wien und bin daher in der Lage, eine Übersicht über die Vorgänge von Anbeginn der Aktion, d. h. von März 1938, zu geben. Aus der folgenden kurzen Darstellung ergibt sich deutlich, dass die Heftigkeit der antisemitischen Aktionen in Wellenbewegungen verläuft und scheinbar an Heftigkeit vorübergehend nachlässt, wenn irgendwelche außerhalb der jüdischen Frage liegende innen- oder außenpolitischen Schwierigkeiten die Regierung oder die Behörden in Anspruch nehmen.

Gleich nach dem Anschluss setzten in größter Heftigkeit die Aktionen ein – man wurde auf der Straße ununterbrochen gefragt, ob man Arier wäre, und bei Verneinung mitgenommen und in so genannten Reibekolonnen zum Abwaschen der Inschriften, die noch von der Schuschnigg-Wahl herrührten, auf den Straßendämmen pp. verwandt. Dabei wurde auf Kleidung der Frauen keine Rücksicht genommen, sie mussten auch in ganz scharfer ätzender Lauge auf der Straße niederknien und abwaschen – eine Bekannte meiner Frau hat dabei eine so schwere Verletzung am Knie davongetragen, dass das Fleisch bis auf den Knochen abging. Selbst ältere Damen wurden mitgenommen und mit anderen in Gruppen zu allen möglichen Diensten für die SA, z. B. auch als „Balljungen“ beim Tennisspielen, benutzt. Bekannten von mir, u. a. einem jungen Mann von 25 Jahren, ist Schuhpasta in den Mund geschmiert und Tinte in den Mund gegossen worden. Vor den Cafés fuhren ständig Lastautos vor, die die Juden in Mengen abholten und zum „Reiben“ oder Stiefelputzen oder sonstigen Arbeiten verwandten.
14- bis 15-jährige Hitlerjugend kam mit Gewehren in Kleidergeschäfte und requirierte Anzüge.

Am schlimmsten benahm sich die Wiener SA, während das deutsche Militär verhältnismäßig zurückhaltend sich verhielt und zum Teil das Vorgehen der Wiener SA missbilligte. Im April wurden vor allem an den Samstagen Waschkommandos aus Juden zusammengestellt und Umzüge veranstaltet, in denen von Juden Schilder mit der Aufschrift „Nur ein Schwein kauft bei Juden ein“ getragen werden mussten und von Katholiken Schilder mit der Aufschrift „Jesuitisches Schwein“. Auf diese Weise wurden so genannte Maskenzüge veranstaltet, die durch die Hauptallee des Praters gingen und damit endeten, dass die Juden durch Tanzen, Springen und Kriechen die Volksmenge in Gruppen belustigen mussten.

Mit Tallis und Zylinder bekleidete Rabbiner und Synagogenvorstände mussten die Straße kehren, auf der Orgel der Kultusgemeinde wurde das Horst-Wessel-Lied gespielt. Geschminkte jüdische Frauen wurden mit Chlor im Gesicht bestrichen und misshandelt, Dirndlkleider wurden ihnen ausgezogen. Bei dem Schuhhaus A. wurden auf die Auslage antisemitische Karikaturen gemalt – A. musste den „Künstler“ für seine Arbeit bezahlen und später auch die Kosten für die Entfernung.
Als Hitler kam, wurden offenbar von Spitzelseite Laufzettel verteilt mit dem Wortlaut: „Juden von Wien, fürchtet Euch nicht, Hitler verlässt nicht lebend Wien.“ In der Taborstraße, die von vielen Juden bewohnt ist, waren beim Einzuge sämtliche Fenster mit SS besetzt, die Juden mussten in den Hinterzimmern der Wohnung bleiben.
Bei Hochzeiten wurden die Trauungen dadurch gestört, dass man beim Verlassen des Gotteshauses den jungen Ehemann verhaftete und nach Dachau brachte. Die Parks wurden allmählich für Juden geschlossen. Am Eingang waren mit Totenkopf versehene Plakate des Magistrats angebracht.

Im August ging man noch allgemein in die Cafés und Kinos, und im September schien es, als ob die Judenfrage vergessen wäre, sogar die Hakenkreuze verschwanden. Erst am Ende des Monats brachten die Sudetendeutschen neue Unruhe und setzten die alten Belästigungen, unterstützt durch die Presse, die Anfang Oktober die Juden als Kriegshetzer beschuldigte, fort. Es wurde nun immer schlimmer, telefonisch wurden Einzelnen Pogrome angedroht, Villenbesitzer verprügelt und in Laubhütten geschossen. In Synagogen wurden die Fensterscheiben eingeworfen, Rabbiner misshandelt und aus Thorarollen Laufteppiche gemacht.
Hetzartikel des „Schwarzen Korps“ Ende Oktober lösten eine neue Verhaftungswelle aus. Wohnungen wurden mit 14-tägigen Fristen gekündigt, die Juden des Attentats auf den erzbischöflichen Palast beschuldigt.

Im November erschienen dann mehrere SA-Leute bei uns in der Wohnung und nahmen sämtliches Geld und Schmuck mit und bestellten mich und meinen Vater zu ½ 2 auf die Ortsgruppe. Als wir hinkamen, lag dort ein Haufen Silber und sonstige Schmucksachen, das aus den verschiedensten Wohnungen zusammengeholt war. Es wurde uns bedeutet, dass wir die Wohnung hergeben müssten, wir könnten sie aber behalten, bis ich ausgewandert wäre, d. h. etwa 14 Tage. Ich ging dann nach Haus, erlebte, wie ein benachbarter Tempel in die Luft flog. Mein Vater kam nicht wieder zurück, ich habe seitdem auch nicht wieder von ihm gehört. Während des Wartens bei der Ortsgruppe mussten die Eingelieferten, oft 70-jährige Leute, kindliche Spiele treiben wie „Wer will von uns nach Dachau hin“. In der Schule hat sich ein Bekannter von uns aufgehängt, viele blieben abgängig, Verhaftungen erfolgten wahllos, in einer Familie sind acht verhaftet.

Während des Anlegens des Brandes an die Synagogen wurde die Straße von SA abgesperrt und im Innern der Synagogen gewütet. Mit den Verhafteten wurden auch Frauen und Kinder auf Lastautos, die ununterbrochen fuhren, mitgeschleppt. Anwälte und Ärzte wurden in Gruppen zusammengefasst, mussten in diesen Gruppen arbeiten, wurden geprügelt und mussten auf Mänteln schlafen, da anderes nicht zur Verfügung stand.Viele kamen ins Arbeitslager nach Gänserndorf, sehr viele in den Steinbruch nach Mauthausen.

Ich selbst reiste mit meiner Frau am 24. November morgens fort und gelangte nach vielen Aufregungen, vor allem durch das jüdische Comité in Zevenaar unterstützt, nach Holland. Bemerken will ich noch, dass meine beiden Großmütter ihre Wohnungen, die versiegelt wurden, verlassen mussten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2008)