Lohner & Schenk entzücken meistens in „Halpern & Johnson“ von Lionel Goldstein.
Eine hübsche Geschichte, ein dümmliches Frauenbild, manch altbackener Witz: In den Kammerspielen ist seit Donnerstag „Halpern & Johnson“ von Lionel Goldstein aus dem Jahr 1983 zu sehen. Laurence Olivier spielte in der TV-Produktion. Der Vergleich für Wien gilt aber eher „Sonny Boys“ im Volkstheater mit Peter Weck und Harald Serafin.
Die Josefstadt ist insofern weiter als das Volkstheater, als sie sich kein hundertprozentig abgetakeltes Stück gesucht hat. Aber auch „Halpern & Johnson“ hat Leerläufe. Macht nichts, weil für Helmuth Lohner und Otto Schenk ist die Aufführung sowieso ein Heimspiel. Ein ehemaliger Schrotthändler und Kartonfabrikant namens Joseph Halpern trifft am Grab seiner Gattin Florence einen geheimnisvollen Unbekannten, der sich als Buchprüfer „in Rente“, Dennis Johnson, vorstellt. Johnson ist nicht nur mit einem Blumenstrauß bewaffnet, was, wie ihn Halpern belehrt, bei jüdischen Begräbnissen unmöglich ist, er hat auch irritierende Intimkenntnisse von Florence und ihrem Angetrauten. Die Zeit, bis Johnsons Identität halbwegs gelüftet ist, wird einem am meisten lang. Danach geht es bergauf.
Verhandelt wird hier letztlich ein fundamentales Thema: Betrug oder Beinahebetrug. Florences ehemaliger Lover Johnson traf sich über 50 Jahre mit ihr. Nach der Begegnung mit Halpern blieb die Beziehung platonisch, aber da war immer so ein Prickeln, auch wenn man über Oper, Theater, Politik plauderte. Bei Whiskey und koscherem Pastramiweckerl aus dem Papierl – wie aufmerksam von Johnson, er hat alles mitgebracht, was sein Rivale gern mag – spricht man sich aus. Die zwei Herren haben offenbar nicht die gleiche Dame gekannt: Hausfrau Florence kam morgens nicht aus dem Bett, ließ sich von Halpern total bedienen, kaufte 120 Paar Handschuhe, hatte keine Ahnung von Politik. So sieht das der Ehemann. Florence war eine elegante, intelligente und unterhaltsame Frau, die gern mal ein Liedchen von Gilbert & Sullivan trällerte und nie ein böses Wort über ihre Ehe verlor. So sieht das der Möchte-so-gern-Liebhaber.
Zwei Lipizzaner, kurz gehalten
Halpern (Otto Schenk) schreit, grantelt, spart nicht mit Kraftausdrücken und peinlichen Bekenntnissen von Zehn-Minuten-Sex in der Lagerhalle mit seiner jüngeren Geliebten bis zu seinem lädierten besten Stück. Seine köstlichsten Momente hat er im Zorn, wenn er jede noch so banale Vertraulichkeit zwischen Johnson und seiner „Flo“ als Indiz dafür wertet, dass da doch mehr war als zugegeben. Helmuth Lohner begeistert als Johnson: Seine wachsende Grandezza weiß er immer souveräner einzusetzen. Nur einmal bricht die stoische Maske dieses im Stillen glühenden Zahlenmenschen – als Halpern ihm beichtet, wie er Florence betrog.
Regisseur Herbert Föttinger hielt seine zwei Lipizzaner vom Drücken auf die „Spaßtube“ ab. Fein. Es geht auch ohne „Brüllen“. Somit dürfte dieser Abend nicht nur Lohner/Schenk-Fans gefallen. Die Aufführung ließe sich flotter, schlagfertiger, echter denken, was das New Yorker Milieu betrifft, aber sie funktioniert. Wunderschön: Rolf Langenfass' Herbstlaub-Bühnenbild.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2008)