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Akademietheater: Doktor Faustus und dasTeuferl

Doktor Faustus
(c) AP (Stephan Trierenberg)
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Friederike Heller schnitt aus Thomas Manns vielschichtigem Roman eine teils kluge Revue. In seinen schlechtesten Momenten ist „My Love Is Like A Fever“ peinlich.

Gott sei euerer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland.“ So endet Thomas Manns letzter großer Roman „Doktor Faustus“. Das Pathos ist gebrochen, in mehrfachem Sinn: Thomas Mann war sich in bitterer Ironie der Anmaßung bewusst, „nichts Geringeres als den Roman meiner Epoche“ zu schreiben.

Einen Roman, der die „arme Seele“ seines Vaterlandes als Pfand eines Paktes mit dem Teufel – das heißt: mit dem Rückfall in die Barbarei, mit dem NS-Regime – zeichnete. Zugleich den ultimativen Künstlerroman: des deutschen Komponisten Adrian Leverkühn, der die „klassische“ Musik bis in die Apokalypse vollendet, in fortschreitender Eiseskälte und radikaler Strenge, bis hin zur Endstation, zur „Zurücknahme“ der Neunten Symphonie Beethovens.

Das hört man nicht in Friederike Hellers Bühnenfassung „My Love Is As A Fever“ (benannt nach einem Shakespeare-Sonett). Und das kann man ihr auch gar nicht vorwerfen. Es würde jeden heutigen Komponisten überfordern, das zu vertonen, was Thomas Mann in Worten beschrieben hat, die „Frühlingsfeyer“, die „Apocalipsis cum figuris“, „Dr.Fausti Weheklag“. Da würde es nicht reichen, Schönberg (von dem Mann das Zwölfton-Konzept hat, das er seinen Leverkühn aufstellen lässt) zu adaptieren, das könnte nur enttäuschen.

Also hört man Liedermacher-Pop von Peter Thiessen und Michael Mühlhaus, herzig und schlau bis allzu naiv („Man hat uns nicht gefragt, ob wir leben wollen oder nicht“). Wer von beiden und ob überhaupt einer von beiden Adrian Leverkühn sein soll, wird nicht klar, in Hellers Inszenierung spielt jeder (und natürlich jede) jeden.

Schon der Erzähler, den Thomas Mann eingesetzt hat, um das Pathos zu brechen, um das eigene Unterfangen prophylaktisch zu verspotten, der wackere Humanist Serenus Zeitblom, wird auf vier Schauspieler aufgeteilt. Das ist inhaltlich nicht sehr sinnvoll – Zeitblom ist keineswegs eine gespaltene Persönlichkeit, sondern eine ziemlich schlichte –, aber rhythmisch ergiebig.

 

Beethoven fällt in die Pauke

Wie überhaupt die Stärken dieser Inszenierung im Rhythmus liegen: In ihren besten Momenten ist sie ein Sprechstück im Sinne Peter Handkes. So kommen die – immer wieder verblüffend aktuell anmutenden – kapitalismuskritischen Nachtgespräche der wandernden Studenten oder die antizivilisatorischen Tiraden des Chaim Breisacher – aus denen man freilich mit Recht Manns eigene politische Jugendsünden, die „Bekenntnisse eines Unpolitischen“, heraus hört – in dieser Form gut zur Geltung, die Texte sind auch klug montiert.

In seinen schlechtesten Momenten ist „My Love Is Like A Fever“ eine peinliche Revue. Etwa in den Szenen mit Leverkühns – von Thomas Mann subtil ironisierten – Musiklehrer Kretzschmar: Dessen schauriger Vortrag über das titanische Ringen Beethovens mit der Fuge wird mit Slapstick à la „Beethoven fällt in die Pauke“ inszeniert. „Warum muss es mir vorkommen, als ob fast alle, nein, alle Mittel und Konvenienzen der Kunst heute nur noch zur Parodie taugten?“, sagt Leverkühn wohl einmal. Doch so simpel lässt sich das nicht interpretieren.

Weitere Fälle von Kabarettismus: Petra Morzé stellt den anstößigen Privatdozenten der Theologie, Eberhard Schleppfuß, der natürlich ein Vorbote des Teufels ist, als sich aufreizend räkelnde Kokotte dar. Und wenn der Teufel dann höchstpersönlich mit Leverkühn ans Geschäftliche geht, meint man sich überhaupt in einer Halloween-Party mit Motto „Rocky Horror Show“. Mit vier Teuferln, mehr oder weniger in Reizwäsche, und vielen Luftballonen auf der Bühne, die pflichtschuldig zerplatzen. So ein Rave ist das, wenn einer seine Seele verkauft.

Eingerahmt wird das zügige Treiben durch die Romankapitel vom letzten Monolog Adrian Leverkühns, den er hält, bevor er – nach dem Vorbild Nietzsches – in Paralyse verfällt. Bibiane Zeller liest ihn einfühlsam. Zeller, die sonst die nicht sehr dankbare Rolle des Schriftstellers selbst geben darf, glänzt auch in der berührendsten Szene: mit dem kleinen, vielgeliebten Buben Echo, der zum Opfer des Teufelspaktes werden muss.

Hier hat die Ironie Pause, hier gefriert die Revue, wird die Bühne kahl. Und man zieht, während Zeitbloms letzte Worte („Gott sei euerer armen Seele gnädig“) hohl hallen, ein gnädiges Resümee: Aus Manns „Doktor Faustus“ zwei Bühnenstunden zu destillieren, ist eine faustische Aufgabe. Ohne teuflischen Beistand kann man sie wohl nicht besser erfüllen, als es hier gelungen ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2008)