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67.000 chinesische Firmen am Ende

Chinesische Arbeiterinnen
(c) AP (Eugene Hoshiko)
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Peking reagiert auf Wirtschaftskrise mit einem 460 Mrd. Euro schweren Konjunkturpaket. Das hat den Nebeneffekt, dass das chinesische Bankwesen ein weiteres Stück liberalisiert wird.

Peking. „Zu vermieten“ steht in großen Schriftzeichen auf verlassenen Fabrikshallen. Gruppen von Wanderarbeitern mit schweren Bündeln warten auf den Bus, der sie zurück in ihr Heimatdorf bringen soll: Die Folgen der globalen Wirtschaftsturbulenzen sind in Chinas Südprovinz Guangdong, die sich in den vergangenen Jahren als „Werkstatt der Welt“ einen Namen gemacht hat, unübersehbar. 67.000 kleine und große Unternehmen mussten im Perlflussdelta und in den anderen traditionellen Industrieregionen Chinas seit Anfang des Jahres nach offiziellen Statistiken dichtmachen, weitere Pleiten drohen.

An der Börse von Hongkong stürzten die Aktienkurse um 50 Prozent, in Shanghai und der südlichen Sonderwirtschaftszone Shenzhen gar um 60 Prozent. Viele Chinesen verloren ihre Altersversorgung und viele Unternehmen ihre Rücklagen, die sie in Aktien angelegt hatten. Die Preise für Wohnungen und Häuser sacken ab, sodass 18 Städte bereits Steuern kürzen und direkte Subventionen an Käufer zahlen.

 

Gigantisches Hilfspaket

Am Sonntag reagierte auch die Führung in Peking. Sie will die chinesische Wirtschaft in den nächsten beiden Jahren mit insgesamt vier Billionen Yuan (460 Mrd. Euro) an staatlichen Subventionen in Schwung halten. Dieses Konjunkturpaket entspricht ungefähr einem Fünftel der Wirtschaftsleistung Chinas im Jahr 2007. Aus seinen Töpfen sollen unter anderem Bauprojekte für arme Menschen in ländlichen Gebieten sowie Verbesserungen von Transportwegen, Umweltschutzmaßnahmen, technologische Innovationen und Wiederaufbauarbeiten in Gebieten, die von Erdbeben verwüstet wurden, finanziert werden.

Das Konjunkturpaket hat den Nebeneffekt, dass das chinesische Bankwesen ein weiteres Stück liberalisiert wird. Bisherige Grenzen für die Kreditvergabe durch Geschäftsbanken sollen nämlich aufgehoben werden. So sollen mehr Kredite in ländlichen Regionen sowie an kleine und mittlere Betriebe vergeben werden können.

Dieser große Schritt ist dringend nötig. Denn erstmals seit der Lungenkrankheit Sars vor fünf Jahren sank Chinas Wirtschaftswachstum im Herbst auf neun Prozent. Für 2009 prognostizierte die chinesische Notenbank acht bis neun Prozent Wachstum.

Dazu kommt die Sorge vor Massenarbeitslosigkeit – für ein Land ohne ausreichende soziale Sicherungen wie China eine politische Zeitbombe. Im Süden und Osten demonstrierten Tausende vor Fabriken und Ämtern, weil die Pleitefirmen ihnen nicht mehr die Löhne auszahlten. Nach Ansicht von Experten muss das Land mit seinen 1,3 Milliarden Menschen jedes Jahr mindestens 15 bis 20 Mio. neue Arbeitsplätze für die vielen Jugendlichen schaffen, die aus den Schulen strömen und für die Bauern, die ihre Dörfer verlassen, weil sie mit Feldarbeit ihre Familien nicht mehr ernähren können.

Die Gründe sind vielfältig: Die Exporte sind eingebrochen, weil sich Amerikaner und Europäer zu Weihnachten weniger Schuhe, Kleider, Spielzeug und Computer aus China schenken werden.

Zudem haben viele Firmen schon in den vergangenen Jahren nur mit sehr niedrigen Gewinnspannen überlebt, weil die Konkurrenz aus anderen Billigländern wie Vietnam oder Bangladesch härter geworden ist. Nun bleibt für diese Unternehmen nichts mehr übrig, weil sie die Kosten nicht mehr decken können.

 

Plötzlich ist der Job weg

Nach einem Bericht der Finanzzeitschrift „Caijing“ sind die Produktionskosten für Textilien in China seit Anfang 2008 um zehn Prozent gestiegen, bei Schuhen waren es sogar mehr als zwanzig Prozent, und die Löhne der Arbeiter wuchsen um fünf Prozent.

Einige Unternehmen verlagern ihre Fabriken bereits von der Küste ins Landesinnere, wo die Löhne niedriger sind und die Behörden sich weniger um Umweltschutz kümmern. Die Führung der Kommunistischen Partei betrachtet die Entwicklung mit gemischten Gefühlen: Sie wollte zwar das Wachstum ohnehin leicht absenken, um eine Überhitzung der Wirtschaft zu vermeiden. Doch die Bremsung darf nicht außer Kontrolle geraten.

Regierungschef Wen Jiabao hatte bereits vor einiger Zeit eine Strategie für den Fall angekündigt, dass der Exportmarkt schwächeln sollte. Der eigene Konsum soll angekurbelt werden, Chinas Fabriken sollen mehr für den heimischen Markt produzieren.

Viele chinesische Familien aber verhalten sich so wie derzeit Europäer und Amerikaner: Sie halten angesichts der unsicheren Aussichten ihr Geld zusammen. Denn so lange keine vernünftigen Alters- und Krankenversicherungen existieren, müssen sie für den Notfall viel Geld auf die hohe Kante legen. Nirgendwo in der Welt wird deshalb so viel gespart wie in China.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2008)