Oper: Der große Verführer? Fernsehen!

(c) APA (Roland Schlager)
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Regisseur Martin Kusej und Dirigent Nikolaus Harnoncourt bringen Strawinskis „The Rake's Progress“ ans Theater an der Wien – zeitkritisch und gar nicht prüde.

Nikolaus Harnoncourt wundert sich. Was! Die Aufführung am Theater an der Wien, die er ab Donnerstag dirigieren wird, ist „nicht jugendfrei?“. Intendant Roland Geyer bestätigt bekümmert: „Wegen des Landesjugendschutzgesetzes.“ In einer Freudenhausszene von Igor Strawinskis Oper „The Rake's Progress“ werde in Martin Ku?ejs Inszenierung nackt gespielt. „Das mit dem Jugendverbot habe ich nicht gewusst, zur Premiere wollen doch meine Enkel kommen“, ist Harnoncourt enttäuscht. „Meinen achtjährigen Sohn würde ich ohne Weiteres in die Oper mitnehmen“, beruhigt Ku?ej. Aber das Landesjugendschutzgesetz halt...

Abgesehen von dieser kleinen Einschränkung, zeigten sich die Herren am Montag in einem Gespräch mit der Presse voller Vorfreude über ihr Projekt – einer Oper in drei Akten nach Bildern des englischen Malers William Hogarth von 1733/35, die den Niedergang Tom Rakewells (Toby Spence) zeigt, der vom Bösen, Nick Shadow (Alastair Miles), verführt nach London geht und dort im Irrenhaus endet. Die Vorstellungen bis 28.11. sind fast schon ausverkauft. Es wird die letzte Arbeit Ku?ejs in Wien auf lange Zeit sein; ab 2011 übernimmt er die Leitung das Bayerischen Staatsschauspiels in München.

Harnoncourt, dieser gewissenhafte Interpret, der bisher selten Werke des 20.Jahrhunderts spielte, empfindet es nicht als Belastung, dass es von dieser Oper aus dem Jahre 1951 Aufnahmen gibt, die der Komponist selbst dirigiert hat. „Das ist keine Vorgabe. Ich kenne Strawinski, habe unter ihm sogar gespielt und weiß, wie er sich zu seinen Noten verhalten hat. Er war ganz genau, dann aber auch wieder so anders, dass ich mich wundere, warum er das überhaupt so aufgeschrieben hat.“ Er habe seine eigenen Vorgaben zum Teil überhaupt nicht eingehalten. „Aber ab der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts sind die Noten nicht mehr das Werk, sondern die Ausführung ist es.“ Und Harnoncourt definiert dann noch den umstrittenen Begriff Werktreue: „Es heißt, das Werk zu verstehen und ihm getreu zu sein, nicht den Noten oder Buchstaben.“

Der Schauplatz: Wien im Jahre 2008

Ku?ej jedenfalls zeigt sich befeuert durch Harnoncourts Kunst. „Mit ihm gibt es nie gewöhnliche Aufführungen.“ Auch beim „Rake“ haben sie Neuland gesucht. Die Inszenierung siedelt die Handlung in Wien 2008 an. Und was bedeutet das Diabolische für ihn, repräsentiert im Bösewicht Shadow? „Der ganz große Verführer heute ist das Fernsehen. Die Hauptperson träumt von Ruhm, Reichtum, Glück, das Resultat geht eher gegen null, so wie eben bei Shows, die den Superstar suchen.“ Das seien Eintagsfliegen, die wieder verschwinden.

Der Regisseur weist auf aktuelle Bezüge hin, auf den Rechtsruck, den er als beunruhigend, als beängstigend empfindet. Vor allem medial verführte Jugendliche würden auf diese Heilsversprechungen der Rechten hereinfallen: „Dass wir das Stück so machen, im österreichischen Gesamtkontext, zu dem leider auch Kärnten gehört, ist auch ein politisches Statement.“ In der Oper solle gezeigt werden, wer manipuliere. „Rakewell ist ein junger Mann, der verführt wird, Nick Shadow ist einer, der die Strippen zieht.“ Zu viel aktuelles Zeug, etwa Anspielungen auf den Tod von Jörg Haider, will Ku?ej nicht einbauen, „selbst wenn der Umgang mit diesem Tod dramatisch ist. Hoffentlich ergibt das irgendwann ein klasses Stück.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2008)

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