Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

90 Jahre Republik: Mit Gewalt – ein „Haus der Geschichte“

(c) Archiv
  • Drucken

Der Ministerrat beschloss das längst fällige Geburtstags-Geschenk: ein neues Museum. Von der bürgerlichen Revolution 1848 bis ins 21. Jahrhundert – das Konzept soll bis Ende April fertig sein.

WIEN. Am Mittwoch feiert die Republik ihren 90. Geburtstag – mit einem Festakt in der Hofburg, einer Sondersitzung des Ministerrates, einer Ausstellung im Parlament und einem abendlichen „Konzert für Österreich“ der Philharmoniker.

Aber das eigentliche Geburtstagsgeschenk der noch im Amt befindlichen Regierung Gusenbauer/Molterer wird ein „Haus der Geschichte“ sein – ein Projekt, um das seit Jahren hinter den Kulissen zwischen den Historikern beinhart gestritten wurde, das aber nun auf die Schienen gesetzt wird. „Jetzt gibt es kein Zurück mehr“, heißt es im Kanzleramt. Am 5. November hat der Ministerrat die Museumsmacherin Claudia Haas mit ihrem Büro Lord/Haas beauftragt, ein detailliertes Realisierungskonzept zu erstellen.

 

Es beginnt nicht mit 1918

Die überraschende Wendung dabei: Es wird nun nicht mehr von einem „Haus der Geschichte der Republik“ gesprochen (Beginn mit 1918), sondern man schürft tiefer: Das „Haus der Geschichte“ wird beim Revolutionsjahr 1848 ansetzen. In dem Jahr erkämpften Studenten, Turner, Arbeiter – für kurze Zeit – jene Grundrechte, auf denen das heutige Österreich basiert: Meinungs-, Versammlungs- Religions- und Pressefreiheit. Obwohl dieser Aufbruch in ein neues Zeitalter vom habsburgischen Kaiserhaus blutig niedergeschlagen wurde, blieb eine einzige von den ungezählten Zeitungen dieses Sturmjahres bis heute am Leben: „Die Presse“.

 

„Österreich traut sich was“

Ohne Kenntnis des 19. Jahrhunderts, ohne Wissen um die „erste Globalisierung“ in der zweiten Hälfte sei die Herausbildung der drei klassischen politischen Lager nicht zu verstehen, meint der Zeithistoriker Oliver Rathkolb.

„Zum ersten Mal traut sich Österreich wieder etwas“, freut sich Kanzler Alfred Gusenbauer. Es sei ein „echter Gewaltakt“ gewesen, „um das Ding vom Kopf auf die Beine zu stellen.“ Denn die vielen Konzepte der vergangenen Jahre hätten sich als wenig tauglich herausgestellt. „We do more than just teach history!“ Man müsse versuchen, keine tradierten Geschichtsbilder zu oktroyieren, „denn es gibt viele verschiedene. Und die muss man zulassen“.

 

Kein Schulmeistern

Also: keine Belehrung von uninteressierten Schulklassen. „Menschen jeglichen Alters und jeglicher sozialer Herkunft sollen sich hier als Gäste fühlen. Sie haben alle unterschiedliche regionale, kulturelle und soziale Herkünfte und auch verschiedene Wissensstände und Erinnerungskulturen“, merkt Gusenbauer an.

Die Wende ist zweifellos von Rathkolb beeinflusst worden, der sich zurzeit mit Identitäten in unseren Nachbarländern beschäftigt. Damit schließt sich der Kreis zu den ehemaligen Kronländern der Donaumonarchie. „Wir lieben die Ungarn, wir haben Vorbehalte gegen die Tschechen – aber keiner weiß, warum eigentlich.“

In einem sind sich Alfred Gusenbauer und der Zweite Nationalratspräsident Michael Spindelegger (ÖVP) einig: Die Brückenfunktion Österreichs zu den Staaten Ostmitteleuropas muss ein Schwerpunkt dieses Hauses werden, ebenso die Einbindung Österreichs in den europäischen Einigungsprozess.

 

Fertigstellung vor 2018

Harte Fakten sind natürlich noch keine auf dem Tisch. Wie viel kostet das neue Museum? Das hängt vom museumsdidaktischen Konzept ab, das soll Ende April 2009 fertig sein. „Aber klar ist“, präzisiert Gusenbauer, „es wird ein Neubau sein.“

Wo? Das ist die Frage. Viele Standorte wurden schon diskutiert. Was sicher ist: „Das Haus wird in Wien stehen – in der Bundeshauptstadt“, sagt Gusenbauer. Und wird die Republik wenigstens zum „Hunderter“ das Museum haben? „Das sollte sich schon vorher ausgehen.“ Meinung Seite 33

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2008)