US-Neurologen fanden typische Erregungs-Muster im Gehirn von Jugendlichen, die durch aggressives Verhalten auffällig geworden sind.
"Happy slapping“, fröhliches Schlagen, so nennt sich ein beunruhigender Trend: Jugendliche attackieren meist unbekannte Personen – und lassen sich dabei mit Handy- oder Videokamera filmen. Die Aufnahmen werden im Internet verbreitet und konsumiert.
Gewalttätigkeit ist ein Problem in allen menschlichen Gesellschaften, und das nicht erst in neuester Zeit. So wundert es, wie wenig die Psychologie bisher darüber weiß: In offiziellen Gutachten findet man meist hilflose Formulierungen wie jene, dass ein Gewalttäter eine „unreife Persönlichkeit“ sei.
Was geht im Gehirn von Gewalttätern vor? Fehlt es ihnen „nur“ an Selbstkontrolle? Mangelt es ihnen an moralischem Empfinden? Handeln sie aggressiv, weil sie selbst verängstigt sind? Oder beziehen sie Freude daraus, anderen Schmerzen zuzufügen? Für die letztere Erklärung spricht einiges, so die schiere Existenz von Sadismus oder, weniger zeitlos, das „Happy slapping“. Aber auch eine neue Arbeit von Psychologen um Jean Decety an der University of Chicago, kürzlich publiziert in der Zeitschrift Biological Psychology. Decety erklärt: „Wenn man aggressiven Jugendlichen Szenen vorführte, in denen anderen Schmerz zugefügt wird, zeigten sie eine spezifische und sehr starke Aktivierung eines Hirnareals, das für Belohnung zuständig ist. Das legt nahe, dass sie es genossen, Schmerz zu sehen.“
Die Psychologen verglichen Jugendliche, an denen aggressives Verhalten („aggressive conduct disorder“) diagnostiziert worden war, mit anderen Jugendlichen. Sie zeigten allen Testpersonen 1) Szenen, in denen Menschen zufällig Schmerz erleiden (etwa weil ihnen eine schwere Kugel auf die Hand fällt), und 2) Szenen, in denen Personen absichtlich Schmerz zugefügt wird, z.B. indem ihnen jemand auf die Hand steigt. Während der Vorführungen wurde mit einer Magnetresonanzmethode (fMRI) gemessen, welche Regionen im Gehirn besonders aktiv waren.
Zunächst kennt man ein Ensemble von Arealen, die bei (eigenem) Schmerz aktiviert sind, den „pain circuit“. Man weiß seit jüngster Zeit, dass genau diese Areale auch aktiv sind, wenn man erlebt, wie andere Personen Schmerzen erleiden. Diese Projektion erst ermöglicht Empathie, Mitleid.
Belohnungszentrum ist aktiv
Nun zeigte sich aber, dass der „pain circuit“ auch bei den aggressiven Jugendlichen aktiv war, sogar ein wenig mehr als bei den Vergleichspersonen. Sie sind also nicht weniger empfindlich oder abgestumpft gegenüber den Schmerz anderer – sie erleben ihn nur anders. Dafür spricht zweierlei. Erstens sind bei den aggressiven Jugendlichen zwei Areale im Stirnhirn, die mit Selbstkontrolle zu tun haben, nicht aktiv, wenn sie Szenen sehen, in denen einer Person absichtlich Schmerz zugefügt wird. Man könnte freudianisch sagen: Es fehlt an Über-Ich.
Der zweite, vielleicht noch beunruhigendere Befund ist aber, dass die Amygdala und das ventrale Striatum bei Aggressiven aktiv sind. Das ventrale Striatum ist Teil des Belohnungssystems, und die Amygdala ist an Erregung – ängstlicher und freudiger – beteiligt. Das ließe sich zur Not auch so deuten, dass die aggressiven Jugendlichen beim Anblick fremder Schmerzen besonders unter Stress geraten, wahrscheinlicher ist aber die Interpretation, dass sie dabei Freude empfinden, sozusagen ins Positive gekehrtes Mitleid – kurz: Grausamkeit.
Ein Problem dieser Arbeit ist, dass sie Aggression und Grausamkeit vermischt. „Ja, wir würden sehr gern Sadisten und Masochisten untersuchen“, sagt Decety auf Anfrage der „Presse“. „Wir konzentrieren uns derzeit aber deshalb auf gewalttätige Jugendliche (bullies), weil sie ein großes Problem für die Gesellschaft darstellen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2008)