Theater: Metamorphosen einer Ehe

„Die Eisvögel“ im Wiener Schauspielhaus: Eine bizarre Beziehungskiste.

Karl (Max Mayer) bringt eine lebensmüde junge Frau vom vereisten See zu sich nach Hause in die Idylle am Walde, seine schwangere Frau Eva (Angela Ascher) ist nicht gerade begeistert von der durchgeknallten Josi (Bettina Kerl), die sieben Tage bleiben und diese Ehe kurz vor der Midlife-Crisis ordentlich durcheinanderwirbeln wird.

Eine seltsame, schlichte, symbolisch überhöhte Ménage à trois bringt Regisseurin Nina Mattenklotz mit dieser österreichischen Erstaufführung von Tine Rahel Völckers Einakter „Die Eisvögel“ auf die Bühne des Schauspielhauses. Karg ist die Ausstattung von Lena Hiebel; ein Sofa, drei Stellwände, alles braun, viel Weiß rundherum, karg ist die Sprache. Die kurzen Sätze scheinen belanglos, haben jedoch einen ganz eigenen Rhythmus. Bis auf unverhoffte emotionelle Ausbrüche sonderbar zurückhaltend spielen die drei versierten jungen Protagonisten. Ein wenig verrückt ist ein jeder von ihnen, die lebensgefährdete junge Ausreißerin ebenso wie die in ihrer Beziehung gefährdete Schwangere und der von den Wirren der Gefühle hin und her gerissene Mann dazwischen in diesen Metamorphosen einer Ehe. Im Hintergrund knarrt an neuralgischen Punkten eine Seilwinde. Oder ist es der Balzruf des Eisvogels, der im Begriff ist, wilderen Vögeln gleich, die Monogamie aufzugeben?

Mit dem Hammer in der Hand

Alltägliche Routine weicht dem Unverhofften. Erst putzen sich die Eheleute ausgiebig die Zähne, dann schabt Josi Kohlrabi, der auf Gabeln aufgespießt und einträchtig verspeist wird. Eine Zeitlang geht die Fremde mit einem Hammer in der Hand und der Ehefrau an der Seite spazieren. „Ich habe kein Gespür für Grenzen“, sagt Josi mittendrin in einem sonderbaren Dialog. Das geht aber allen Beteiligten so. Karl stürmt ins Freie und schwingt eine Holzlatte, Eva haut ab und sieht sich das Stück vom Zuschauerraum aus an. Kommen und Gehen. Eine Rückkehr erfolgt hier mit dem Klassiker: „Ich bin wieder da! Ist das Essen fertig?“

Karl und Josi haben auch 15 Sekunden lang ein wenig Sex. Dann aber muss er sich entscheiden. Für wen? Es ist allgemein bekannt, dass Eisvögel treu sind, da kommt auch ein seltsames Kräftemessen nicht dagegen an. Sie sehen sich einen Porno an, Karl dreht den Ton lauter und auch jenen eines CD-Spielers, aus dem „Satisfaction“ von den Rolling Stones tönt.

Josi nimmt den Hammer, zertrümmert Mobiliar, geht ab. Ins Eisige. Das ist mindestens so geheimnisvoll wie die Schlussszene. Das Paar hat zwei Vogelmasken auf und sitzt brav auf dem Sofa, bereit zum Schnäbeln. Im besten Fall. Denn ein immer wiederkehrendes Moment dieser vom Ensemble gut gespielten Talentprobe ist die Verunsicherung. Biedere Eisvögel, die gibt es hier nicht.
Nächste Termine: 13./18. 11., 20 h

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2008)

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