Gustav Klimts kluge Weggefährtin Emilie Flöge dient als attraktiver Aufputz für die Ausstellung „Glanzstücke“ über Schmuck der Wiener Werkstätte.
Sie war Klimts Freundin, wohl auch seine Geliebte – und betrieb mit ihrer Schwester Helene einen edlen Modesalon, der bis zu 80 Schneiderinnen beschäftigte. Sie reiste nach Paris, London, um sich über Modetrends zu informieren. Nach dem „Anschluss“ Österreichs ans Dritte Reich 1938 verlor sie ihre wichtigsten Kunden. 1952 starb sie in Wien: Emilie Flöge beschäftigt immer wieder die Fantasie der Kunstwelt. Auf Fotos sehen sie und Klimt aus wie „die Schöne und das Biest“. Dabei betrug der Altersunterschied nur 12 Jahre. Nach Klimts Tod 1918 soll Emilie allerlei Schriften verbrannt haben. Übrig blieben nur viele nichtssagende Postkarten...
Der Run auf alles, was Wien 1900 ausmachte, scheint nicht zu stoppen. Diesmal wirkten das Wien Museum, Ronald Lauders Neue Galerie in New York und private Sammler zusammen, um 38 Schmuckstücke der Wiener Werkstätte zu präsentieren, von Josef Hoffmann, Koloman Moser oder Eduard Wimmer-Wisgrill. Das attraktive Transportmittel ist Emilie Flöge: Klimt schenkte ihr manch einzigartiges Schmuck-Kunstwerk, sie trug es zu ausgefallenen Kleidern. Die Wiener Werkstätte wollte den Menschen in ein Gesamtkunstwerk einbetten. Alles sollte ästhetisch aus einem Guss sein: Architektur, Möbel, Kleider, Juwelen.
Frauen wie „Fürstinnen und Madonnen“
Letztere durften nicht simple oder womöglich protzige Klunker sein, mit denen sich die Wohlhabenden der damaligen Zeit schmückten, um ihren Reichtum zur Schau zu stellen. Nein, Halbedelsteine, in origineller, moderner Verarbeitung waren gefragt.
Koloman Moser verband Opale und Mondsteine in einer fragilen Silberkonstruktion mit zarten Blättchen zu einer Halskette. Josef Hoffmann fügte Achat, Amethyst, Blutstein, Korallen, Lapislazuli zu streng geometrischen Broschen. Eduard Wimmer-Wisgrill, Innenarchitekt, Maler, Modeschöpfer, gestaltete aus Smaragden und Gold einen breiten Armreifen. Dagobert Peche zauberte Diademe aus Elfenbein. Schon seinerzeit waren die Kunststücke nicht billig: 600 Kronen kostete das Elfenbein-Diadem, für 350 Kronen waren die Broschen zu haben. Ein Angestellter der Wiener Werkstätte verdiente 2000 Kronen im Jahr.
Heute sind die Kostbarkeiten kaum mehr erschwinglich, sofern man sie überhaupt bekommt. Hin und wieder tauchen sie in Auktionen auf. Für eine Brosche muss man schon bis zu 400.000 Euro hinlegen. Die Wiener Werkstätte wollte sich der industriellen Produktion entgegenstemmen, die längst ihren Siegeszug angetreten hatte. „Die Maschine arbeitet emsig und füllt unsere Bücherkästen mit mangelhaft gedruckten Werken. Ihr Rekord ist die Billigkeit. Doch sollte jeder Kulturmensch sich dieser Materialfülle schämen!“ So heißt es polemisch im Arbeitsprogramm. 1932 schlitterte die Wiener Werkstätte in Folge der Weltwirtschaftskrise in den Bankrott.
Klimt sorgte mit seinen Frauendarstellungen wohl für eine Art letzte Blüte der „hohen Frau“, die bald in die Büros abwanderte. „Wie Fürstinnen und Madonnen“ sollten Damen über dem Alltag stehen „in einer Schönheit, die von gierigen Händen des Lebens nicht zerpflückt und verwüstet werden kann“, heißt es im Katalog. Modisch setzten sich die neuen Bürgerinnen vom alten, steifen Adel energisch ab. Wenn man sich den Saum des ausgestellten weißen Kleides aus dem Atelier Flöge kürzer denkt, fallen einem die Kleider der Charleston-Zeit ein. Luftig, natürlich sollte die Mode wirken, man trug sie ohne Korsett. Im Eingang zur Schau blickt Emilie von einem Porträt herab. Hinter Glas hängt eine Brosche für Kaiserin Elisabeth, kunstvoll gearbeitet mit Perlen, Diamanten, die sich im schweren Haar der Monarchin sicher prächtig gemacht hat. Daneben das bescheidene Viereck der Wiener Werkstätte. Man sieht die Modernität. Die Wahl fiele schwer, müsste man sich entscheiden. (bis 22.2.2009, Di-So 9–18h)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2008)