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Republik-Gründung: Ein Hauch Obama zum 90. Geburtstag

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Bundes-Präsident Heinz Fischer warnt vor der „Flucht in Radikalismen“. Er blickt auch in die Zukunft, auf die Finanzkrise und die Koalitionsbildung.

WIEN. Am Morgen dieses 90. Geburtstages der Republik ist die Jugend an der Reihe. Schulklassen dürfen bereits in die Säulenhalle des Parlaments, wo am Nachmittag die Republik-Ausstellung eröffnet werden wird. Auch die Gestalter der Schau kontrollieren noch einmal, ob alles funktioniert: Lorenz Mikoletzky, Generaldirektor des Staatsarchivs, Stefan Karner, der in Graz lehrende Zeitgeschichtler. Auf tausend Quadratmetern Ausstellungsfläche haben sie, assistiert von Julia Köstenberger und einem jungen Architektenteam, in geraffter Form neunzig Jahre aus dem Leben der Republik dokumentiert.

Die Herren sind in Eile. Denn drüben in der Hofburg wartet das „offizielle Österreich“ auf den Festakt: Parlamentspräsidentin Barbara Prammer und die Bundesregierung haben in der ersten Reihe Platz genommen, dahinter Landespolitiker, Geistliche, Abgeordnete und auffällig viele FPÖ-Politiker. Sogar die umstrittene Grazer Neo-Parlamentarierin Susanne Winter ist da – eine Art personifiziertes Statement.

Der Hausherr kommt im schwarzen Anzug mit rot-weiß-roter Krawatte, die linke Hand bei Ehefrau Margit eingehängt, die Brust geschwellt. Leichtfüßig schreitet Bundespräsident Heinz Fischer über den roten Teppich des Zeremoniensaals, begleitet von den Klängen des „Radio Symphonie Orchesters“, das sich auf dem Bühnenpodest formiert hat. Über den Musikern prangt die Leinwand, sie zeigt die ORF-Dokumentation „Die Gründung der Republik“. Es ist eine Zeitreise von 1918 bis heute.

Dann ist der Präsident am Wort. Er blickt zurück auf „die Fehler der Esten Republik“, auf die Verbrechen der NS-Zeit, auf „ein vernunftbegabtes Volk“, das zu unterscheiden gelernt habe „zwischen rot-weiß-roter Fahne und Hakenkreuz, zwischen Krieg und Frieden“. Fischer blickt auch in die Zukunft, auf die Finanzkrise und die Koalitionsbildung: „Es wird eine der großen Aufgaben einer neuen Bundesregierung sein“, dafür zu sorgen, „dass die soziale Marktwirtschaft tatsächlich sozial ist“. Andernfalls drohe „ein verstärkter Nationalismus“ und eben „die Flucht in verschiedene Radikalismen“.

Was den Präsidenten stört, ist die „Europa-Müdigkeit“ in Österreich, er appelliert an das europäische Selbstbewusstsein, indem er Anleihe bei Barack Obama nimmt, seinem US-amerikanischen Amtskollegen: „Wir brauchen ein bisschen mehr des Geistes ,Yes we can‘, das wäre auch bei uns außerordentlich hilfreich und wertvoll.“ Österreich wünscht Fischer „eine friedliche Zukunft“, bevor er von Reihe eins aus die kulturellen Vorzüge der Republik genießt. Zum Gesang der Kammersängerin Ildiko Raimondi wippt der rechte Präsidentenfuß, der über dem linken Präsidentenknie liegt, durchaus taktvoll mit.

 

„Ja, wir können es auch“

Die Rolle der Länder im zeitgeschichtlichen Raffer darf der Vorarlberger Herbert Sausgruber beleuchten, weil er Vorsitzender der Landeshauptleutekonferenz ist. Auch ihn hat ein Hauch des Obama-Geistes erfasst, er wünscht sich „ein handlungsfähigeres Europa“, und dass die Europäer „über den Teich rufen: ,Ja, wir können es auch – in Wirklichkeit sogar besser‘“.

Kein Redner kommt in Tagen wie diesen an der Finanzkrise vorbei, auch Bundeskanzler Alfred Gusenbauer nicht, der im Rahmen des Sonderministerrats am Nachmittag seine Stimme erhebt: „Wir stehen an einem Scheideweg, an dem wir uns fragen müssen, wie wir mit unseren Ressourcen umgehen.“ Immerhin setze Österreich „alles daran, den Stürmen zu trotzen“.

Die Feierlichkeiten enden im Musikverein, wo die Philharmoniker am Abend ihr „Konzert für Österreich“ spielen. Hand aufs Herz sozusagen, es ist das Geburtstagsständchen für die Republik.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2008)