Forscher empfehlen, die Risikofreude in der Wirtschaft mit Medikamenten zu steigern.
In Managementkursen lerne man das Vermindern von Risiken, berichten Psychologen aus Cambridge um Barbara Sahakian. Aber man solle auch „das Gegenteil lehren: Risikotoleranz im Verhalten und in der Persönlichkeit.“ Zumindest solle man das dann, wenn man auf die Kraft von Innovation setzt und sie in Firmengründern („Entrepreneurs“) verkörpert sieht. Von denen haben sich viele um Cambridge herum angesiedelt, 16 wurden ins Labor gebeten, dazu eine Gruppe von ganz normalen Managern, die nie eine Firma gegründet haben.
Beim ersten Test ging es um „kalte Prozesse“, die Probanden spielten ein Spiel, bei dem farbige Kugeln in möglichst wenig Zügen in neue Muster arrangiert werden sollen, dabei zählen analytische Fähigkeiten, Emotion spielt keine Rolle. Das lösten beide Gruppen gleich gut, aber dann kamen „heiße Prozesse“, sie wurden mit der „Cambridge Gamble Task“ simuliert. Das ist eine Wette, in der zehn Schachteln angeboten werden, manche sind blau, manche rot – von Runde zu Runde in einem anderen Verhältnis –, in einer ist ein Schatz. Die Spieler setzen Geld nach Belieben auf eine Farbe, die einzige Information liegt in der Verteilung der Farben. Das braucht wieder Analyse, aber es wird hoch emotional, man kann viel gewinnen/verlieren. In diesem Spiel gingen die Entrepreneurs mit ihren Einsätzen viel höher als die Manager.
Den Forschern gefiel das so gut, dass sie nicht nur eine Förderung der Risikobereitschaft in der Schule vorschlagen – junge Leute tendieren ohnehin eher dazu –, sondern auch das: „Wir wissen aus früheren Versuchen, dass Risikofreude mit dem Neurotransmitter Dopamin zusammenhängt. Unser Befund erhebt also auch die Frage, ob man Unternehmertum mit pharmakologischen Mitteln fördern könnte.“ So steht es in Nature (456, S.168), man weiß nicht recht, wie die Forscher diese Drogenempfehlung untergebracht haben.
Komplementärstrategie: Bluff
Vielleicht mit heißen Entrepreneurherzen, vielleicht mit einer komplementären Risikostrategie: kaltem Bluff. Der bringt auch Erfolg, Spieler wissen es, Biologen vermuten es, aber an welchen Tieren soll man dieses Täuschen studieren? Simon Lailvaux (Sydney) hat eine Art gefunden: Winkerkrabben. Die haben eine übergroße Schere, mit der sie Weibchen und Konkurrenten imponieren, Letztere schätzen daran die Kampfkraft ein und lassen sich auf aussichtslose Gefechte gar nicht erst ein.
Kämpfen sie doch, kann die Schere abhandenkommen. Dann wächst sie nach, in gleicher Form/Größe, aber ohne Schneide und ohne Kraft, leibgewordener Bluff. Der wirkt, ein Stück weit, das falsche Signal verhindert viele Kämpfe; in der Stunde der Wahrheit ist es dann allerdings wie am Spieltisch auch (Functional Ecology, 11.11.).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2008)