Die Post liegt neben dem Datenfriedhof

Wir sind die erste Generation, von der dereinst keine persönliche Korrespondenz erhalten sein wird.

Die Apotheke, der Arzt, die (freiwillige) Feuerwehr, der Greißler, der Kindergarten, die Kirche, die Schule, der Sportverein, die Trafik, das Wirtshaus,... Ich bin bereit, das ganze Gewicht meines Strukturkonservativismus schützend vor alle von wirtschaftsliberalen „Reformen“ und „Einschnitten“ bedrohten Institutionen zu werfen. In der City, in der Vorstadt, in den Dörfern. In der urbanen Wüste, in der ruralen Prärie.

Aber das Postamt?

Ich weiß nicht. Es ist nicht leicht, eine Einrichtung, die man bisher hauptsächlich als Disziplinierungsanstalt („Anderer Schalter! Können S' net schauen?“), neuerdings auch als Verschleißstätte der peinlichsten CDs kennengelernt hat, als Haus der Begegnung zu sehen, als Zentrum des sozialen Lebens, ohne das es trist und grau würde in Stadt und Land.

Es ist auch gut 25 Jahre her, dass ich das letzte Mal in Versuchung war, „Please, Mr. Postman“ zu singen, weil der Briefträger ein potenzieller Postillon d'Amour war, er bringt längst nur mehr Prospekte, Werbezeitschriften, anonyme Sendungen. Das Persönlichste in der postmodernen Post sind Parkstrafen und Mahnungen, da tut man sich auch schwer, eine innige Beziehung zu entwickeln.

Wer schreibt noch Briefe?

Natürlich, man sollte. Schon der Nachwelt zuliebe. Wir sind die erste Generation, von der dereinst keine persönlichen Korrespondenzen erhalten sein werden. Unsere Gefühle, es sei denn die in der Literatur verarbeiteten, werden den Kommenden ein Rätsel sein, vielleicht werden sie uns für kalt oder spracharm halten?

Die Briefliteratur des frühen 21.Jahr-hunderts wird mit den Festplatten, auf denen sie – wenn überhaupt – gespeichert war, verrosten. Die literarischen Freunde werden feststellen, dass das elektronische Gedächtnis lange vor ihrem eigenen Gedächtnis verfallen ist: alle Anekdoten, alle geistreichen Wortspiele perdu. Und wenn um 2050 der Opa erzählen will, wie er einst die Oma doch noch für sich gewonnen hat, wird er es nicht belegen können. Das Mail mit den zwinkernden Smileys und der neckischen Zeile „c u there“ liegt schon heute am Datenfriedhof, und aus dem lässt sich kein Wort exhumieren.

Da hilft nur: entweder regelmäßig alle Files auf den jeweils aktuellen Datenträger (im jeweils aktuellen Format) überspielen, was öd und mühsam ist. Oder ausdrucken, solange die Files noch intakt sind. Und archivieren! Physisch, Blatt an Blatt!

Aber wer hat schon einen Drucker, der auch noch funktioniert?


Daher sollte es in jeder menschlichen Ansiedlung einen allgemein zugänglichen Drucker geben, ein Fax dazu, solange es noch Faxe gibt. In einer zentral gelegenen, wohltemperierten Stube, in der dann neben den Computern auch ein Kartentisch stehen soll, eine Espressomaschine, ein paar gute Zeitschriften, Lego und Playmobil für die Kinder, Weihnachtsbäckerei im Advent, Soda im Sommer. All das unter der gütigen Aufsicht von zwei, drei mehr oder weniger amtlichen, jedenfalls anständig bezahlten Organen. Bald werden auch der Dorfpfarrer, der Dorfpsychoanalytiker und der Dorfhegelianer sich von Zeit zu Zeit blicken lassen, nur zum Plaudern.

Und der Dorfdatenverarbeitungsexperte. Hoffentlich. Vor allem, wenn der Drucker kaputt ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2008)

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