Der Fund des Beckens eines Homo erectus könnte das Bild ändern, das wir vom Ahnen haben: Bisher galt er als groß und schlank, nun scheint er eher plump.
Unter unseren, der anatomisch modernen Menschen der Art Homo sapiens, Eigenheiten stechen zwei hervor: das große Gehirn – um die 1200 Kubikzentimeter, Schimpansen haben 450 – und der aufrechte Gang (und im Zusammenhang mit ihm das Sprechen, dafür muss man erst einmal die Brust frei haben, bei den Schimpansen lastet der halbe Körper darauf). Hängen sie zusammen oder stehen sie – evolutionär – in Konflikt miteinander? Worauf wurde selektiert und durch was? Durch die Probleme bei der Geburt (das Gehirn muss durch den Geburtskanal)?
Tiere durch Laufen erjagen
Oder durch die Umwelt? Wurde das Becken zum Strecken des Körpers nach oben optimiert, zum Gehen bzw. zum ausdauernden Laufen? Aus Ostafrika, der Wiege der Menschheit, kommen die Marathonmeister, und es gibt heute noch Naturvölker, die mit bloßem Dauerlauf jagen, große Tiere – Kudus etwa – so lange verfolgen, bis sie zusammenbrechen, an mangelnder Thermoregulation (vulgo: Schwitzen) beim Galoppieren. Bei Zweibeinern funktioniert die auch bei raschem Laufen, das ist noch ein Vorteil (Journal of Human Evolution, 10.10169). Man erkennt ihn heute daran, dass Bewohner kühlerer Regionen, die weniger schwitzen müssen, gedrungenere Körper haben als die in den Tropen.
Nur Funde von Beckenknochen können Auskunft geben, aber die sind rar, von unseren ganz frühen Ahnen – Australopithecus – gibt es zwei, 3,2 bzw. 2,8 Millionen Jahre alt, sie deuten auf eine Anpassung an die Umwelt: Der Geburtskanal ist eng, das Becken war auf Dauerlauf und Thermoregulation optimiert. Ganz ähnlich sah es bei unserem näheren Ahnen aus, Homo erectus: Von einem 1,53 Millionen Jahre alten Fund aus Kenia – KNM-WT 1500, Turkana Boy – schloss man auf einen Geburtskanal, durch den 230 cm3 gingen. Das ist wenig, man vermutete, dass das restliche Gehirn – H.erectus hatte 880 cm3 – nach der Geburt wuchs (bei uns ist es ähnlich, trotz stark vergrößertem Geburtskanal bringen wir nur 28 Prozent unseres Gehirns mit auf die Welt, Schimpansen: 40 Prozent).
Aber nun zeigt ein Fund einer Gruppe um Sileshi Semaw (Indiana University) ein ganz anderes Bild: Das fast komplette Becken eines etwa 1,8 Millionen Jahre alten weiblichen H.erectus aus Äthiopien – BSN49/P27 – hatte einen Geburtskanal, der 315 cm3durchließ, 30 Prozent mehr als bisher vermutet, um die 30 Prozent vom Volumen des ausgewachsenen Gehirns. Zudem zeigt dieses Becken keinerlei Anpassung an einen optimierten aufrechten Gang, seine Besitzerin war von eher plumper Gestalt, „kurz und breithüftig“, formulieren die Forscher: „Dieses Becken zeigt, dass weder die tropische Umwelt noch der Dauerlauf primäre Selektionsfaktoren bei Homo erectus waren.“ (Science, 322, S.1089)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2008)