Besuch bei einem Zauberer

Zu Georges Braque habe ich ein ganz persönliches Verhältnis.

Das verdanke ich meinem längst verstorbenen Zeichenlehrer, der uns immer eindrucksvoll von den Schrecken des Krieges erzählte. Er forderte uns auf, Häuser in jener Manier zu malen, zu der Braque mit 25 Jahren fand; etwas schräg, ockerfarben und ziemlich grün ist sein L'Estaque. Wir wussten noch nicht, was Kubismus war, aber das vorherrschende Gefühl in der Klasse drückte sich wohl in dem Satz aus: „Das bringe ich auch zusammen.“

Welch ein Irrtum! Nach den ersten angestrengten Versuchen, die Landschaft zu kopieren, befiel mich tiefe Verzweiflung. Keinen einzigen Strich konnte ich so setzen wie dieser Maler, geschweige denn die Raffinesse der Farben und Formen nachmachen.

Unser Zeichenlehrer lächelte vor sich hin, auch er skizzierte die alten Bauten und den Wald, aber nicht wie Braque, sondern wie er selbst, während meine Kubismus-Kopie nur eine schlechte Kubismus-Karikatur wurde.

Diese Übung hat mich nicht zum praktizierenden Kubisten gemacht, zumindest aber die Zuneigung zu seinen Schöpfern gefördert. Ich denke mir zuweilen beim Betrachten hermetischer Kunstwerke: „Mit ihren Bildern wollen Sie anscheinend bei uns das Gefühl erwecken, Stricke schlucken oder Kerosin trinken zu müssen.“ (Und wie das so läuft im Zeitalter der Reproduzierbarkeit – dieser geheimnisvolle Satz ist nicht wirklich von mir, sondern aus einem Pariser Atelier entwendet.)

„Die Kunst ist bestimmt zu beunruhigen“, sagt Braque, er schreibt ihr Zauberkraft zu. Deshalb rate ich demütig: Zur Ausstellung im Kunstforum sollte man nicht unvorbereitet gehen, sondern so alert, als ob einen der Dichter Apollinaire dazu einlädt, einen revolutionären Künstler zu besuchen. Vielleicht entwickelt sich daraus eine wunderbare Freundschaft.


norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2008)

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