Felix Mitterers „Der Patriot“ über den Briefbombenattentäter im Stadttheater Walfischgasse: bemüht und mühsam.
Werner Schneyder inszeniert mit Thomas Kamper Felix Mitterers „Der Patriot“ im Stadttheater Walfischgasse, das sonst eher der leichteren Muse huldigt. Diesmal will man wohl den Leuten zeigen, dass man auch anders kann. Man kann anders. Die Uraufführung ist redlich gedacht und gemacht. Von den im Pressetext versprochenen unerhörten Einblicken in die Psyche des Briefbombenattentäters Franz Fuchs (1949–2000) ist allerdings wenig zu bemerken. In den Neunzigerjahren versetzte er Österreich in Angst und Schrecken. Auch weniger bekannte Personen des öffentlichen Lebens erinnern sich daran, dass sie sich fürchteten, die Post zu öffnen.
15 Menschen wurden teils schwer verletzt, der jüngst verstorbene Altbürgermeister Zilk verlor eine Hand, vier Menschen starben. Im Zentrum der Panik stand die Sorge, es könnte sich bei der Bajuwarischen Befreiungsarmee, in deren Namen Fuchs handelte, tatsächlich um eine Armee Rechtsradikaler handeln. Vor allem prominente Intellektuelle waren davon überzeugt. Es wurde endlos gestritten, eine Polarisierung zwischen rechts und links entstand. Schließlich wurde der Bomber verhaftet. Ein Psychopath. Keine Rede von einer Armee.
Riesentext, brav memoriert
2007 gab es ein TV-Dokudrama mit Karl Markovics, das fast genauso hieß wie das Mitterer-Stück: „Franz Fuchs – Ein Patriot“. Und damit sollte das Thema eigentlich erschöpfend abgehandelt sein. Mitterer aber strapaziert erneut den Mythos von der Bajuwarischen Befreiungsarmee, vermutlich in der Absicht, uns die Gefahr des Rechtsradikalismus vorzuführen. Die ist zwar gegeben, aber Fuchs ist wohl kaum ein passendes Beispiel dafür. Ein schwer gestörter Verbrecher wie viele andere. So redet er auch. Und wie viele Geisteskranke ist er fest überzeugt, dass er nicht geisteskrank ist. Wer je mit solchen Leuten zu tun hatte, weiß, wie überzeugend sie sein können.
Gottfried Helnweins Plakatsujet suggeriert, dass Fuchs eine Art Hannibal Lecter der Politik gewesen sein könnte. Ein falscher Vergleich. Thomas Gamper hat Mitterers gewaltigen Text perfekt memoriert. Er rattert seine krausen Gedanken über Politik, Frauen, Fremde herunter – was zeitweise öde ist, weil man einiges davon von Rechtsradikalenprozessen, aber auch von Franz Fuchs' eigenen Auftritten im Gerichtssaal kennt. Diese Veranstaltung zeigt nur, dass das Theater (wie so oft) realen Ereignissen wie deren Bewältigung hinterherhinkt. Interessanter wäre vermutlich ein Stück über die von Fuchs kurz erwähnten heutigen Prosecco-Faschisten gewesen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2008)