Braque: Picassos genialer Mitstreiter

(c) APA (Herbert Pfarrhofer)
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So viel Erstklassiges von Georges Braque war in Wien noch nie zu sehen.

Ihre Bilder waren kaum zu unterscheiden; die Busenfreunde Pablo Picasso und Georges Braque haben in Paris von 1907 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 im Schaffensrausch die Malerei praktisch neu erfunden, der reinen Gegenständlichkeit den Garaus gemacht. Später war es schwer, ihnen ihre Werke eindeutig zuzuschreiben, denn sie besuchten sich täglich, erarbeiteten Konzepte des Kubismus und unterließen es oft zu signieren.

Braques Bilder seien qualitativ besser, meinen jene, die seine Fertigkeiten als gelernter Dekorationsmaler schätzen. Es gab aber noch einen Unterschied; Braque mag der geschicktere Handwerker gewesen sein, doch Picasso war der bessere Geschäftsmann. Ihr Förderer, der Kunsthändler Daniel-Henry Kahnweiler, zahlte dem quicken Spanier viermal so viel wie dem zurückhaltenden, um ein Jahr jüngeren Franzosen.

Braque (1882–1963), der geniale Mitstreiter, steht seither im Schatten Picassos – zu Unrecht, wie die umfassende Ausstellung im Bank Austria Kunstforum zeigt. So viele Werke von Braque gab es hierzulande noch nie zu sehen, und auch im internationalen Vergleich ist diese opulente, von Heike Eipeldauer und Caroline Messensee klug kuratierte Werkschau eine Augenlust. Die letzte größere Retrospektive gab es vor zwanzig Jahren in München. Kunstforum-Chefin Ingried Brugger hat nun 50 Leihgeber aus aller Welt für Wien gewinnen können. 76 Gemälde, zehn Druckgrafiken und einige Fotos illustrieren den Werdegang des Künstlers, der bis ins hohe Alter wandlungsfähig blieb.

Helle, bunte Bilder der frühen Jahre dominieren den ersten Raum, der Einfluss der Fauvisten ist sichtbar, dann werden die Farben gedeckter, Braun und Grün dominieren, Paul Cezanne war prägend. Ende 1907 kommt es zum vom Dichter Apollinaire initiierten Treffen mit Picasso in dessen Atelier. Der arbeitet an „Les Demoiselles d'Avignon“. Braque staunt, eine enge Freundschaft beginnt, die sich erst durch den Krieg verliert. Wegen einer fast tödlichen Kopfverletzung kann Braque zwei Jahre nicht malen.

Einfach raffiniert

Zuvor aber die Harmonie der Kunstrevolutionäre, eine „Seilschaft beim Klettern“ vor dem Untergang des Abendlandes. Das Publikum empfindet die geometrisch harmonischen Bilder der beiden als skandalös und hässlich. Heute sind sie Klassiker des Kubismus, etwa „Häuser und Baum“ (1908) aus L'Estaque oder „La Roche-Guyon“ (1909). Chronologisch folgen die typischen Interieurs mit Musikinstrumenten, Obst, Pfeifen, Flaschen, Fischen, die einfach scheinen, doch raffiniert fragmentiert sind und multi-perspektivisch. Ein berühmter Gag: In „Geige und Palette“ (1909) hängt das Werkzeug des Malers am Nagel. Braque experimentiert, mischt den Farben Sand bei, entwickelt 1912/13 die Collage. „Ich habe eine große Entdeckung gemacht. Ich glaube jetzt an nichts mehr“, schreibt er später und ergänzt: „Gegenstände existieren für mich nicht, außer im Sinn einer harmonischen Verwandtschaft zwischen ihnen selbst beziehungsweise zwischen ihnen und mir.“

Nach dem Krieg entwickelt Braque seine Stillleben weiter, klassisch anmutende und auch anschauliche Werke. In der Spätzeit – der Künstler ist in die Normandie seiner Kindheit zurückgekehrt – malt er Landschaften. Ein wiederkehrendes Motiv, etwa in „Atelier VIII“ (1954/55): Der große weiße Vogel überfliegt einen dynamischen Raum. Die Perspektiven reißen auf, so wie das zwei Maler in Paris taten, als das 20. Jahrhundert noch jung, aber nicht mehr unschuldig war.

AUF EINEN BLICK

Die Ausstellung „Georges Braque“ ist
im Bank Austria Kunstforum bis 1. März 2009 zu sehen, täglich von 10 bis 19h,
Fr von 10 bis 21h.

Katalog bei Hatje Cantz, 248 Seiten, 29 €.

www.bankaustria-kunstforum.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2008)

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