Die Reise durch ein Bubenzimmer

(c) AP (Stephan Trierenberg)
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Uraufführung von „Feuerland“: Mehr Chaos als Kosmos.

Im kommenden Jahr hat Charles Darwin ein doppeltes Jubiläum; der britische Naturforscher wurde 1809 geboren, mit 50 veröffentlichte er „Vom Ursprung der Arten“, das die schon damals nicht mehr heile Weltsicht noch einmal radikal veränderte. Indizien für seine Evolutionstheorie sammelte Darwin mit 22, als er auf der von Kapitän Robert FitzRoy gesteuerten „Beagle“ die Erde umsegelte. Zweck der Reise: eine noch exaktere Vermessung der Welt. Der junge Naturforscher aber sammelte mit kühlem Kopf Beweise für den tatsächlichen Weltenlauf.

Einen frühen Beitrag zum Darwin-Jahr leistet nun das Burgtheater. Im Kasino am Schwarzenbergplatz hatte am Freitag Gaston Salvatores Drama „Feuerland“ seine Uraufführung, das die Reise der „Beagle“ von Rio über Kap Hoorn bis in den Pazifik begleitet, auf den Dialog zwischen Darwin und dem Kapitän reduziert, auf ihre irritierende Begegnung mit den indigenen Feuerländern und auf erste häretische Gedanken zur Natur: Sie ist blind.

Eigentlich wäre das ein wunderbarer Stoff, ein philosophischer sogar, doch die Inszenierung ist schwach geraten. Regisseurin Tina Lanik hat aus Salvatores solidem Vierakter eine Collage von 80 Minuten gemacht, die das Zusammenhängende des Textes massakriert und durch Mätzchen ersetzt.

Die Eisbären kommen zum Südpol

Philipp Hauß als Darwin und Moritz Vierboom als FitzRoy dürfen spielen, auf einer Bühne, die Magdalena Gut in ein Bubenzimmer verwandelt hat. Am Boden eine große Weltkarte, auf der Hauß kleine Plastikfiguren von Tieren und Menschen platziert. Mit zwei Videokameras wird diese kleine Welt hinten auf zwei Leinwände projiziert. Die Eisbären kommen zum Südpol, da werden sich die Pinguine aber wundern, die haarigen Puppen und die putzigen Indianer, in die sich die Schauspieler gelegentlich verwandeln (Kostüme: Su Sigmund). Auf einem Monitor sind erklärende Texte, Illustrationen oder das gebeutelte Schiff zu sehen (Video: Robert Lehniger, Bert Zander). Wenn Darwin von Seekrankheit geplagt wird, schwingt eine Lampe in mächtiger Amplitude über die Bühne, und er schleudert übertrieben stark mit. – Einmal gibt es sogar einen richtig dramatischen Sturm, bedrohlich wogt die E-Musik (Rainer Jörissen), der Kapitän darf sich exzessiv in einem Meer aus Eiswürfeln wälzen, während Darwin die Nebelmaschine betätigt. Ein kleines Modell der „Beagle“ thront hingegen ruhig und zentral in einer Vitrine. Rechts ist auf einem großen Tisch eine Großstadt aus Pappe gebaut. Die Buben dürfen es im Finale zerstören, da schaut Vierboom mit schmutzigem Gesicht wie ein Wilder drein.

Dazwischen aber geht es um Zivilisationskritik. „Alles ist Kampf“ (die Feuerländer fressen deshalb wohl auch gerne alte Frauen). Hauß und Vierboom spielen zuweilen den Gefangenen Jemmy Button, dessen Wildheit wegerzogen werden soll, der aber selbst die britische Zivilisation für bestialisch hält. Er isst so ungezogen wie der Teilnehmer einer Kinderjause.

Die Handlung ist schwer zu erschließen. Zu unausgegoren ist das Konzept; das führt zu Unsicherheiten der Protagonisten. Sie müssen zudem noch abwechselnd Regieanweisungen lesen. Die Ordnung scheint mehr zufällig als notwendig. Diese Aufführung wird weder Darwin noch „Feuerland“ gerecht. Wie schrieb einst Magellan auf Feuerland? „Kein Gold.“

WAS KOMMT ALS NÄCHSTES?

29.11. „Fantasma“ von René Pollesch (UA, Akademietheater).Tina Lanik inszeniert eine weitere Kasino-Premiere: „Kaspar Häuser Meer“ von Felicia Zeller über Kindesmisshandlung (ab 14.12.). „Feuerland“: 17., 18., 22.11. ? 51444/4140

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2008)

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