In memoriam Christel Goltz

Eine Generation von Opernfreunden hat sie nicht mehr auf der Bühne erlebt.

Doch im Bewusstsein des Publikums ist der Name Christel Goltz präsent – als „letzte große Hochdramatische des deutschsprachigen Wiener Opernensembles“, wie Direktor Ioan Holender das formulierte, als am Wochenende bekannt wurde, dass die Künstlerin 96-jährig in Baden/Wien verstarb. Christel Goltz war zur Wiedereröffnung des Hauses am Ring, 1955, die Färberin in der „Frau ohne Schatten“. Diese, ihre Glanzpartie, sang sie danach in sämtlichen Aufführungen der Rudolf-Hartmann-Inszenierung! In einer anderen Paraderolle, der Salome, hatte sie damals durch die unvergleichlich erotische Ljuba Welitsch scharfe Konkurrenz. Und doch lässt die auch auf CD wiederveröffentlichte Studioproduktion unter Clemens Krauss hören, zu welch feinnervigen Charakterisierungskünsten Goltz ihren samtweich timbrierten Sopran führte – und zu welch kraftvoll-leidenschaftlichen Eruptionen!

Wer die Expressivität dieses Gesangs vernimmt, versteht, dass Musikfreunde, die dergleichen live erleben durften, den „modernen“ Forderungen nach technisch beherrschterer vokaler Linienführung geradezu ratlos begegnen: Wozu solche Beckmesserei, wenn Musik so unmittelbar wirken kann, wenn die interpretatorische Aussagekraft eine Figur, eine dramatische Situation glaubhaft macht?

Dass dieselbe Künstlerin, die als Elektra (sie hat sie in Wien 57-mal verkörpert) an die Grenzen des physisch Machbaren zu gehen gewohnt war, zur selben Zeit auch Mozarts Donna Anna sang, galt als natürlich; wie das Engagement für die neue Musik – von Sutermeisters „Romeo und Julia“ bis zu den Salzburger Uraufführungen von Orffs „Antigonae“ und Liebermanns „Penelope“. Karl Böhm, der die Sängerin in Plauen entdeckt hatte, holte sie nach Dresden, dann nach Wien. Mochten die Met, die Scala und Covent Garden zu Gastspielen gerufen haben: Zur Jubiläumsgala 2005 erschien Goltz als Zeugin vergangener Zeiten eines stolzen Selbstverständnisses der Musikstadt.


wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2008)

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