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Niederlande: Maxima und die Vergangenheit

(c) EPA (Robin Utrecht)
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Prinzessin Maxima nimmt ein kritisches Buch über Argentiniens Militärjunta in Empfang und will damit eine große Versöhnungsgeste setzen.

Man darf es durchaus als mutigen Akt verstehen. Maxima, Prinzessin der Niederlande, will am 24. November persönlich das erste Exemplar eines sehr kritischen Buches über ihr Heimatland Argentinien in Empfang nehmen: ,,Voetbal in een vuile oorlog“ – Fußball während eines schmutzigen Krieges.

Das Buch, das an diesem Tag in den Niederlanden erscheinen wird, handelt von einem der dunkelsten Kapitel der jüngsten argentinischen Geschichte – der brutalen Militärjunta unter Führung von General Jorge Videla (1977–1983), der nach Angaben von Amnesty International rund 30.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Und es erzählt von der Fußballweltmeisterschaft 1978 in Argentinien, als die niederländische Nationalelf am 25. Juni 1978 das WM-Endspiel gegen Gastgeber Argentinien mit 3:1 verlor und Argentinien Weltmeister wurde.

Zum zweiten Mal in Folge wurde das Oranje-Team nur Vizeweltmeister. Denn im WM-Finale 1974 hatten die Holländer gegen die deutsche Mannschaft im WM-Endspiel 2:1 verloren. Beide Niederlagen haben sich tief in die Seele der so fußballfanatischen Niederländer gekerbt.

Das erklärt die große Aufmerksamkeit für dieses neue Buch, das jedoch Fußball und Politik verbindet und dadurch noch spannender wird. Es ist ein heikles Buch, das die gebürtige Argentinierin und künftige Königin der Niederlande, Prinzessin Maxima, entgegennehmen wird. Denn ihr heute 80-jähriger Vater Jorge Zorreguieta war während der argentinischen Militärdiktatur von Jorge Videla Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium. Und somit Teil des Unterdrückungssystems, das zehntausende politische Gegner in Argentinien folterte und umbrachte.

Daher war Jorge Zorreguieta im Februar 2002, als seine Tochter dem niederländischen Thronfolger Willem-Alexander (40) in Amsterdam das Ja-Wort gab, bei den Hochzeitsfeierlichkeiten in den Niederlanden auch nicht willkommen. Zorreguieta musste sich die Hochzeit seiner Tochter im Fernsehen vom fernen Buenos Aires aus ansehen.

Mutig ist Maxima auch deshalb, weil sie durch ihre persönliche und offizielle Entgegennahme des Buches die Vergangenheit ihres Vaters wieder ins Rampenlicht der Öffentlichkeit rückt. Andererseits aber scheint Prinzessin Maxima mit dieser Buchpräsentation auch eine Geste der Versöhnung aussprechen zu wollen: Sie gilt den ,,Müttern der Plaza de Mayo“ (Madres de la Plaza de Mayo). Es sind jene argentinischen Frauen, die seit dreißig Jahren regelmäßig auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires demonstrieren und daran erinnern, dass ihre Söhne und Töchter spurlos verschwunden sind.

Eine dieser Frauen, Nora Morales de Cortinas, wird bei der Buchpräsentation am 24. November im königlichen Schloss Noordeinde in Den Haag anwesend sein. Das bietet Prinzessin Maxima die Möglichkeit zu einer neuen großen Versöhnungsgeste gegenüber den ,,Madres de la Plaza de Mayo“. Eine Möglichkeit, die Maxima sicherlich nutzen wird.

De Cortinas vermisst ihren Sohn seit dem 15. April 1977. Er war damals 24 Jahre alt, wurde verhaftet und ist seither verschwunden.

Prinzessin Maxima hatte während eines offiziellen Staatsbesuches, den sie gemeinsam mit ihrem Gatten Kronprinz Willem-Alexander und ihrer Schwiegermutter Königin Beatrix im Jahr 2005 in ihrem Geburtsland absolvierte, schon einmal Kontakt zu den ,,Müttern der Plaza de Mayo“. Den will sie nun offenbar vertiefen.

Gerätselt wird in den Niederlanden nun darüber, ob Prinzessin Maxima für ihren Auftritt während der Buchpräsentation die politische Rückendeckung der Haager Regierung und insbesondere die von Ministerpräsident Jan Peter Balkenende hat. Das wäre angebracht, denn diese Buchpräsentation wird sicherlich für Schlagzeilen sorgen. Jedes Wort, das Prinzessin Maxima während der Präsentation sagen wird, dürfte auf die Goldwaage gelegt werden. Anderseits aber hat sie die Chance zu einem großen versöhnenden Auftritt und einer historischen Geste.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2008)