Lebensstil & Krise: Sport statt Nobel-Italiener und Oper

(c) EPA (Stephen Morisson)
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Wie reagieren die Menschen auf die Finanzkrise? Ein neues Buch spendet Trost, indem es ein Loblied auf die Selfmade-Menschen singt. „Die Presse“ befragte Experten.

Marke Eigenbau, der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion“ heißt ein Buch von Holm Friebe und Thomas Ramge, der eine Volkswirt, der andere Journalist, das heuer bereits Rauschen im Blätterwald verursachte: „Städter entdecken das Handwerk“ war zu lesen oder „Die Lust am Heimwerken wird nun zur politischen Bewegung“ („Die Welt“). Friebe und Ramge haben in ihrem fast 300 Seiten starken Wälzer (campus-Verlag) in der Tat ein eindrucksvolles Konvolut von Daten und Informationen gesammelt – zu einer Zeit, da die Finanzkrise noch ein fernes überseeisches Phänomen war. Die zentralen Thesen sind so neu nicht: Immer mehr Menschen flüchten, zermürbt von Hierarchien und Intrigen, die großen Konzerne – und machen sich selbstständig, oft sehr erfolgreich. Immer mehr Menschen lehnen Massenartikel ab, bevorzugen handwerklich, mit Liebe hergestellte Produkte in originellem Design, vom Bio-Lebensmittel bis zur Puppe. Durch neue Technologien wird die Fertigung unkomplizierter. Wissen ist nicht mehr nur Eingeweihten zugänglich, sondern in Netzwerken jederzeit abrufbar. Das neue Denken ist weniger hierarchisch, kooperativ.

Die Konsequenzen sind weitreichend: Die „milde Krankheit Erwerbsarbeit“ wird durch Geld verdienen mit Selbstverwirklichung ersetzt. Die Nischen werden mächtiger als die Hits, die Grenzen zwischen Konsument und Produzent verschwimmen. Die soziale Komponente wird wichtiger: Auf E-Commerce folgt Social Commerce: Lasst uns nicht nur über Geld reden, sondern auch über Werte, Umweltschutz und Gesundheit: Veggieburger statt MacDonalds ...

Wohlhabende stürmen Diskonter

Schöne neue Welt ohne Plastikbesteck und Plastik-Essen. Welch ein Trost wäre in der gegenwärtigen Situation die Rückkehr zu Small is beautiful, Manufaktur und Sparschwein. Wird aber nicht stattfinden, sagen Meinungs- und Wirtschaftsforscher der „Presse“. „Dass die Leute auf billige Massenproduktion verzichten, ist absolut nicht der Fall“, meint Wolfgang Bachmayr (OGM): „Nicht nur die sozial Schwächeren greifen zu Sonderangeboten, sondern auch die mittleren und oberen Schichten. Gehen Sie zu Hofer oder Penny-Markt. Da sehen Sie das gehobene Bürgertum einkaufen. Das sind Leute, die sich den Billa bei Gott leisten können. Die Tendenz ist, dass die Leute mehr auf die hohe Kante legen, wenn die Wirtschaftslage schlechter wird. Die geplante Steuerreform ist dazu da, den Konsum zu stärken. Das ist nach allen Erfahrungen fraglich. In Japan wurde versucht, mit Zinssenkungen und Steuerreform den Konsum anzukurbeln. Das hat nicht funktioniert. Die Steuerreform wird höchstens den Konsum der Schwächeren stärken, die jeden Euro umdrehen müssen, aber diese Schicht zahlt ja auch wenig Steuern. Nach den Umfragen gibt es eine starke Verunsicherung, die sich im Weihnachtsgeschäft auswirken wird, speziell bei Luxusgütern. Es bleibt abzuwarten, wie sich diese Krisen-Psychologie weiter entwickeln wird, wenn die Finanzkrise sich in einer Wirtschaftskrise manifestiert. Die Gefahr besteht, dass es zu einer Deflation kommt, die Preise sinken und trotzdem wird immer weniger gekauft.“

„Marke Eigenbau? Kann ich mir nicht vorstellen, dass das die Zukunft ist“, sagt Alexander Zeh (GfK Austria). Seine Beobachtungen: „Die Leute bleiben ruhig und verfolgen die Berichterstattung ganz genau. Aber sie heben ihr Geld nicht ab und horten es daheim“, erklärt Zeh: „Nur 15 Prozent der Leute in Österreich haben überhaupt Wertpapiere.“ Sparen? „Nicht beim Sport, wohl aber bei Neuanschaffungen für den Sport. Gespart wird bei Restaurant-Besuchen, Gastronomie, Oper, Theater oder Casino.“

Auto als Prestigeobjekt hat ausgedient

„Generell“, so Zeh, „werden weniger Immobilien, Möbel gekauft. GfK Deutschland hat erhoben, dass sich das Konsumklima bisher nicht verändert hat. Von einem Erdrutsch oder Verelendung kann keine Rede sein, allerdings muss man bedenken, dass sich GfK mit Konsumtrends befasst. Dass sich die Finanzkrise auf das Weihnachtsgeschäft auswirken wird, glaube ich nicht. So schnell schlägt das nicht durch. Den Trend zu Diskontern gab es schon vorher, es gibt einen scharfen Preiskampf in Österreich. Momentan wird die Stimmung medial verstärkt. Das kann sich auch wieder ändern. Langfristig ist zu beachten, dass von der Generation 50 plus viele noch nicht geerbt haben. Da werden noch große Summen bewegt.“ „Ich sehe keine Umwälzungen, eher dass vorhandene Trends verstärkt werden“, meint Ewald Walterskirchen (Wirtschaftsforschungsinstitut), z. B. „das Auto ist nicht mehr das Prestigeobjekt wie früher, das sind jetzt eher Objekte aus dem Sport- und Freizeitbereich. Bei den nicht dauerhaften Konsumgütern, da sind auch die Nahrungsmittel dabei, wächst der Verbrauch real kontinuierlich um zwei Prozent. Das wird sich vielleicht auf ein Prozent abschwächen. Die steigenden Energiekosten werden durch Einsparungen beim Verbrauch teilweise kompensiert – das wird beim Strom ähnlich sein wie bei Benzin.“

„Viel Nachfrage“, meint Walterskirchen weiter, „gibt es bei Elektronik, Computern, Kameras, dort sinken die Preise“: Zahlen, wonach nur sechs oder sieben Prozent der Österreicher Aktien besitzen bzw. 15 Prozent Wertpapiere, seien mit Vorsicht zu genießen, sagt er: „Da werden die Leute befragt, aber manche wissen nicht, dass in ihren Fonds für die Pension Aktien drin sind.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2008)

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