Multikulti-Meister Tan Dun in Amsterdam und Grafenegg

Nancy Allen Lundy (Water), Charles Workman (Polo)
Nancy Allen Lundy (Water), Charles Workman (Polo)Foto: Clärchen und Matthias Baus
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Die Nederlands Opera zeigt mit "Marco Polo" den bemerkenswerten Fall der einer Neuinszenierung eines erst 20 Jahre alten Werks. Den Komponisten holt Rudolf Buchbinder demnächst nach Österreich.

Rudolf Buchbinder macht's möglich: Zu seinem nächsten Festival, Grafenegg 2009 (der Vorverkauf für Mitglieder beginnt am 17. November, der allgemeine am 1. Dezember), holt er den chinesischen, in den USA lebenden Komponisten Tan Dun als "composer in residence". Damit holt Österreich mit einiger Verspätung, aber doch, seine Lektion in "Avantgarde Marke 21. Jahrhundert" nach. Denn Tan Dun, hierzulande ein beinah unbeschriebenes Blatt, zählt weltweit zu den meistgespielten Vertretern einer musikalischen Moderne, die sämtliche Barrieren stilistischer Natur hinter sich gelassen hat. Denn sie bewegt sich im schwerelosen Raum der unbegrenzten Möglichkeiten. Und zwar so souverän, dass dieser Tage in Amsterdam eine Neuinszenierung der vor zwei Jahrzehnten in München uraufgeführten Oper „Marco Polo" stattfinden konnte.

Hand aufs Herz, welchem Komponisten gelingt es im Zeitalter der „Ur-Dernieren" - das Copyright auf diesen trefflichen Ausdruck liegt bei Gerhard Rosenthaler - ein repertoiretaugliches Stück zu schreiben?

Tan Dun hat es geschafft. Und mögen auch die Kritiker seinerzeit nicht so sicher gewesen sein, daß das Zweitlingswerk, das der Komponist dann für Placido Domingo geschrieben hat, die Schlagkraft des „Marco Polo" auch nur annähernd erreichen konnte: Das Stück über den weltreisenden Venezianer wirkt auch nach zwei Jahrzehnten noch. Das lehrt der laute Applaus, den Werk und Komponist in Amsterdam erhalten.

Bezwingendes Stil-Einerlei

Gewiß, man muß das Stil-Mischmasch, das Tan Dun als Erfolgsrezept nutzt, nicht mögen. Aber die Erfolgsträchtigkeit ist anzuerkennen. „Marco Polo" ist halb Musical (freilich ohne jede nachsingbare Schlagermelodie), halb experimentales Musiktheater. Es hat keine erkennnbare Handlung, sondern bedient den metaphysischen Trieb unserer esoterik-verliebten, postreligiösen Gesellschaft. Die Wanderung des Marco Polo ist eine „nach innen", wie die Inhaltsangabe betont. Ob am Himalaya oder an der chinesischen Mauer, ob in der Wüste oder an den heimatlichen Gestaden: alles Fantasterei, Traum.

Die Bühne, von Jan Kalman mit üppigem Sheherezade-Dekor ausgestattet, zeigt von Pierre Audi filmreif arrangierte Märchenbilder. Fernöstliches Kolorit mischt sich nicht nur musikalisch drein, ein wenig political correctness darf nicht fehlen: Wo eine schwarz verhüllte Soldateska tibetanische Mönche drangsaliert, da beruhigt sich im Zuge der ausführlichen, ohne Pause ablaufenden Meditationsübung gleich auch ein wenig das Gewissen des Betrachters.

Ein Vexierspiel oder: Wer ist wer?

Eine Zeitlang braucht es, bis man erkennt, wer wer ist unter den bunt kostümierten Darstellern. Marco und Polo (Charles Workman) sind überdies zwei Figuren, die erst zuletzt gemeinsam singen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hat man dann zwischen der üppig timbrierten, weichen und ausdrucksstarken Sopranstimme von Sarah Castle (Marco) und der spitzer klingenden, allerdings auch allerhöchste Spitzentöne mit behender Koloraturgewandtheit erklimmenden Nancy Allen Lundy differenziert. Sie stellt das Wasser dar, ist aber in Gebärde und Aktion von den erdgebundenen Kollegen kaum zu unterscheiden. Alle träumen vor sich hin, manche - etwa Stephen Bryant (Dante) und Stephen Richardson (Kublai Khan) tun es in den tiefsten Registern. Wobei Bryant auch die Kunst des Obertongesangs beherrscht. Da schwirrt und zwitschert es dann wie im Niederländischen Kammerrchester, dem der dirigierende Komponist, engagiert und in den stark rhythmiserten Passagen virtuos, Klänge unterschiedlichster Machart entlockt: Zuweilen jault und knarrt es wie in der Peking Oper, des öfteren wird es im Gegenzug dekadent klangschwelgerisch wie bei Rachmaninow, dann wieder wird die westliche Avantgarde beschworen, aber nie enervierend, sondern strömlinienförmig wie bei Krimi-Soundtracks.

Das akustische Multikulti-Design ist von von bezwingender Zufälligkeit. Und dort, wo Tania Kross plötzlich ein Fragment aus Mahlers "Lied von der Erde" anstimmt, feiern die Anverwandlungen musikalischer Asiatika durch westliche Kunstwelten vom Anfang und Ende des 20. Jahrhunderts fröhliche Hochzeit. Dass der virtuose Zhang Youn als Darsteller des Rustichello den lautesten Applaus bekommt, ist gerecht, denn er demonstriert nicht nur Stimmakrobatik in allen erreichbaren Registern, sondern turnt auch in olympiareifer Geschwindigkeit. Auch das ein Zeichen unserer Zeit: Rückständen der Hochkultur gehen ihre Verbindung mit dem Zirkus ein. Die Wirkung ist verblüffend.

Tan Duns "Marco Polo" ist im Amsterdamer "Muziektheater" noch am 26. und 28. November zu sehen.

www.dno.nl

Tan Dun kommt als "Composer in residence" im kommenden Sommer zu Rudolf Buchbinders Festival nach Grafenegg. Er wird dort mit mehreren Werken präsent sein und neben Kollegen wie Colin Davis, Zubin Mehta oder Roger Norrington auch selbst als Dirigent in Erscheinung treten (Personale zum Festival-Ausklang am 6. September 2009) Das Festival beginnt am 20. August.

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