Kinder- und Jugendbücher. Die Verlage suchen Stoffe, die Kids, aber auch den „neuen“ ewig Jungen gefallen. Bücher werden immer öfter mit dem Internet verzahnt.
Nicht nur bei elektrischen und elektronischen Geräten, Computern, Handys, sondern auch bei Büchern macht sich der Trend zum Multifunktionalen bemerkbar. Das „All-Age-Buch“, geeignet für jede Altersstufe, erfreut vor allem die Verlage. Mit der Fantasy – die uralt ist – aber durch „Harry Potter“ eine enorme Renaissance erlebte und erlebt, ist die Erreichung der Zielgruppe „alle“ ziemlich gut gelungen. Warum lesen Erwachsene Jugendliteratur? Weil sie qualitätvoll, einfach, verständlich ist. Vielleicht wollen Erwachsene aber auch mehr über (ihre) Kinder erfahren – oder sich gern selbst zurück in die Kindheit versetzen.
Wer vieles bringt, wird manchen etwas bringen, heißt es im „Faust“. Das gilt für Verlage wie für Buchhandlungen. Ravensburger, Thalia, Morawa sind Beispiele dafür. Ravensburger, einst ein Spiele- und Bücherunternehmen, ist heute ein Mischkonzern, der auch Lernhilfen, Computerspiele anbietet und Themenparks à la Disney betreibt. Wachsende Bedeutung hat die wechselweise Nutzung von Büchern und Computer. Es gibt „Blogs“, die als Buch und im Internet erscheinen, Foren für Background-Info, Kritiken von Kindern für Kinder, Chatrooms.
Möglichst viele Segmente nach allen möglichen Richtungen müssen abgedeckt werden. Schließlich ist das Angebot riesengroß. Glücklicherweise leben wir in einer „kindlichen“ Gesellschaft. Die Interessen der Zwölf- bis Vierzig- oder gar Fünfzigjährigen sind durchaus nicht unähnlich. Wer will schon alt sein? Also wird die Zeitspanne, bis man sich eingesteht, zu den Senioren zu gehören, laufend hinausgeschoben. Auf der anderen Seite werden Kinder, vor allem durch die Berufstätigkeit der Mütter und das Fernsehen, immer schneller erwachsen. Leider kann man Bücher, anders als Filme oder Computerspiele – die sich als ungeheuer praktische Sonntagsbeschäftigung für infolge von Patchwork leicht deroutierte Familien erweisen –, nicht gemeinsam konsumieren. Ein Buch verlangt Einsamkeit, ungeteilte Aufmerksamkeit. Doch vielleicht sehnt sich ja gerade danach manches Kind, mancher Jugendliche angesichts von Reizüberflutung und Freizeitüberangebot.
Das Bild des Kindes, das einem aus Büchern entgegentritt, hat sich stark verändert. War früher Unterordnung, Bravsein gefragt, gilt seit Pippi Langstrumpfs Zeiten die Devise: Je frecher, desto besser. Wie bei „Harry Potter“ herrscht hier das Sickerprinzip. Wer gestern noch Fantasy als Amüsement für geistig Minderbemittelte ablehnte, vertieft sich heute ungeniert in Wolfgang Hohlbein und Co. Die Sixties-Generation wiederum, heute im Großelternalter, findet es, anders als noch ihre von der Kriegszeit geprägten Eltern, nicht schlimm, wenn Enkel mit zwei verschiedenen Socken ankommen – und bei Tisch das große Wort führen. Nicht wenige unterstützen das sogar.
Kurze Kinderzeit, frühe Liebe
Die echte Märchenzeit ist kurz. Schon mit acht, zehn Jahren stürzen sich Mädchen heutzutage nach der obligaten Pferdeperiode auf Geschichten über das Modelbusiness oder „Wie werde ich ein Star?“. Sehr früh ist man auch bei der „Bussi-Bussi-Literatur“, bei Büchern über den ersten Kuss, die erste Liebe, Intrigen, Trennungen, Liebeskummer. Auch Aufklärung gibt es, umfassender als früher. Statt des Körpers wie früher steht dabei die Psychologie von Mädchen und Burschen im Zentrum. Die Koedukation ist zwar schon zu Anfang des vorigen Jahrhunderts erfunden worden. Die Verfeinerung der Schilderungen auf dem Buchmarkt, was die Geschlechter, ihre Besonderheiten, ihre Bedürfnisse betrifft, ist aber noch immer im Gange, durchaus zum Nutzen Heranwachsender, die so nicht mehr unbeholfener elterlicher Aufklärung – die gibt es noch immer – ausgeliefert sind.
Zuletzt noch ein paar konkrete Tipps von Handel und Verlagen: Jugendbücher: Die vor Weihnachten anlaufende Verfilmung von Cornelia Funkes Tintenherz (Fantasy) dürfte auch dem Buch neue Höhenflüge bescheren (Dressler); Das Lied von Malonia von Catherine Bannert (Fantasy, Penhaligon); Himmel und Hölle (soziale Scifi, Boje); Bartimäus von Jonathan Stroud (Fantasy mit Zauberlehrling, cbj, Blanvalet); Für die Kleinen: Kuschelprinz und Kuschelprinzessin von Corina Beurenmeister (Coppenrath), Zum Vorlesen:Die kleine Hexe von Otfried Preußler (Thienemann); Mädchen und Knaben reisen gern durchs wahrhaft weitläufige Imperium des gebürtigen Rostockers Rainer M. Schröder,das von Fantasy (Heiliger Gral) über Krimis bis zu historischen Persönlichkeiten reicht. Womit wir zum Schluss wieder bei der All-Star-Fantasy und dem All-Age-Buch wären.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2008)