Zu den bevorstehenden Jubiläen der Evolutionstheorie – 200. Geburtstag des Schöpfers, 150. Jahrestag der Publikation des „Origin of Species“ – gibt es eine Briefauswahl: Wer von Charles Darwin Post bekam, bekam zu tun.
Schädlich für meinen Charakter als künftiger Geistlicher.“ Das ist der erste von acht Punkten, in denen Charles Darwin, frisch examinierter Theologe der University of Cambridge, am 31. August 1831 in einem Brief an seinen Vater dessen Einwände gegen die Reise mit der „Beagle“ rekapituliert. Eingeladen hat ihn die britische Regierung, sie will einen „Naturforscher“ an Bord und sieht darüber hinweg, dass der junge Mann kaum Ausbildung darin hat, vor der Theologie hatte er Medizin studiert und abgebrochen (sich allerdings dabei auch in Biologie und, vor allem, Geologie eingearbeitet).
Aber Interesse hat er, Insekten sammelte er schon als Kind, er will auf die „Beagle“ und zeigt im Brief an den Vater, dass er durchsetzungsfähig ist (und ein Meister der Manipulation: Der Brief ist kunstvoll gebaut und lässt dem Vater keine Wahl). Er holt sich die Zustimmung, geht an Bord, und vom „künftigen Geistlichen“ hört man nichts mehr bzw. liest man nichts mehr in der Briefauswahl, die der Insel-Verlag zum 150. Jubiläum der Publikation des „Origin of Species“ vorgelegt hat (das Buch wurde vor zehn Jahren schon einmal publiziert, aber man liest es doch gerne). Darwin war ein manischer Briefschreiber, ein bedachter, ein berechnender und einer, der sich selbst durchschaute: „Dies ist ein außerordentlicher Brief, wie sie ihn von mir noch nie erhalten haben“, formuliert er am 29. 11. 1857 an den US-Naturforscher Asa Gray: „Er wird nicht eine Frage oder Bitte enthalten.“
Denn daraus bestehen für gewöhnlich seine Briefe: Wer einen erhält, der bekommt zu tun. Der eine soll sein Gedächtnis bemühen – welche alpinen Pflanzen wachsen in Feuerland oder China? –, der andere seinen Körper – ein Auswanderer nach Neuseeland möge doch bitte Entenmuscheln sammeln und schicken –, der dritte das Geschick seiner Köchin, Darwin sucht Weißfische bzw. ihre Mägen: „Haben Sie welche oder könnten Sie welche mit dem Netz fangen und Ihrer Küchenmagd sagen, sie möge sie ausnehmen, und könnten Sie mir den ganzen Magen schicken?“
„Species nicht unveränderlich“
So geht das ohne Ende, er jagt und sammelt bis zur Erstickungsgefahr – „ich sehe kein Ende“ –, aber den Hintergrund behält er für sich: Eine Begründung für seine Wünsche liefert er selten, er testet auch nie die Theorie, in die sich alles Gesammelte fügen soll. Dabei ist der Entwurf seit 1844 fertig, aber nur in einem Brief aus diesem Jahr wird es angedeutet: „Ich bin überzeugt, dass die Species nicht unveränderlich sind (mir ist, als gestände ich einen Mord).“ Er wird ihn lange nicht wieder gestehen, ordnet aber bald seinen Nachlass – er ist keine 35, aber oft krank, „mein Darm“ – und hinterlässt 400 Pfund für die Publikation des Entwurfs.
Dann sammelt er weiter, Jahr um Jahr, die Freunde – vor allem der Geologe Charles Lyell – werden unruhig, er experimentiert nun auch, ähnlich breit, die Freunde werden unruhiger. Dann erhält er einen Brief, von einem, der die gleiche Idee entwickelt und schriftlich formuliert hat, hochachtungsvoll Alfred Russel Wallace. „Ich habe nie ein verblüffenderes Zusammentreffen erlebt“, schreibt Darwin nach der Lektüre: „Es ist exakt die gleiche Theorie, die auch im Wortlaut mit meiner übereinstimmt“.
Darwin ist konsterniert und verzweifelt, er hat das Erstgeburtsrecht – „1844“ –, aber wie kann er es beweisen? Das Manuskript des anderen ist in der Welt, seines nur im Kopf (bzw. der Schreibtischlade)! Er setzt alle Hebel in Bewegung, verfasst endlich ein eigenes Manuskript – und alles geht gut aus, Wallace will kein Konkurrent sein, die beiden publizieren ihre Aufsätze gemeinsam, am 1. Juli 1858 werden sie in der Linnean Society verlesen. Dann, im November 1859, kommt endlich der „Origin“. Mit Darwins Jubel über eine höchst wohlwollende Rezension in der „Times“ endet der Band, leider.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2008)