Joachim Bauer proklamiert den „Abschied vom Darwinismus“. Lesenswerter sind die neuen „Tales“ von Richard Dawkins.
„Mein erstes Buch, Das egoistische Gen, hätte genauso gut Das kooperative Gen heißen können, ohne dass ich daran auch nur ein einziges Wort hätte ändern müssen. Tatsächlich hätte ich mir einige Missverständnisse erspart. Egoismus und Kooperation sind zwei Seiten der gleichen darwinistischen Medaille. Jedes Gen fördert sein eigenes, egoistisches Wohlergehen, indem es mit den anderen Genen in dem sexuell durchmischten Genpool, der seine Umwelt bildet, beim Aufbau des gemeinsamen Körpers zusammenarbeitet.“
Das schreibt Richard Dawkins, glühender Darwinist und liebster Watschenmann aller Darwinismuskritiker, in seinen nun auch auf Deutsch veröffentlichten „Geschichten vom Ursprung des Lebens“ (die im Original den anmutigeren Titel „The Ancestor's Tale“ tragen). Es ist komisch, dass fast zur gleichen Zeit ein Buch erschienen ist, das tatsächlich „Das kooperative Gen“ heißt. Mit einem Untertitel, der geradezu peinlich darauf ausgerichtet ist, im Darwin-Jahr 2009 ein bisschen aufmüpfig zu wirken: „Abschied vom Darwinismus“. Der Mediziner Joachim Bauer hat es geschrieben.
Ehrensache, dass Dawkins auch von ihm gründlich gezaust wird, er wird das überstehen, streitbar genug ist er ja. Arg untergriffig ist freilich, dass Bauer Dawkins unterstellt, er sehe im Sozialstaat „ein gegen die Selektion gerichtetes Übel“. Jeder, der Dawkins gelesen hat, weiß, dass er sich oft gegen Sozialdarwinismus verwehrt und z.B. (just im „egoistischen Gen“!) der Thatcher-Regierung vorgeworfen hat, sie habe „Bösartigkeit und Egoismus zur Ideologie erhoben“.
Die Idee vom „egoistischen Gen“ hat – wie oft muss man das noch sagen? – nichts mit „Soziobiologie“ zu tun, wie Bauer behauptet. Sie ist eine Metapher für ein Grundschema des Neodarwinismus, das sich, ganz unpersönlich, so formulieren lässt: Ein Stück DNA, das irgendwie bewirkt, dass das Individuum, das es in seinen Zellkernen trägt, mehr Nachkommen hervorbringt, wird sich mit der Zeit in den Zellkernen von immer mehr Individuen finden.
„Revolution biologischen Denkens“
Dabei ist das Wort „bewirkt“ fast schon zu teleologisch: Hier irgendetwas wie „Absicht“ oder gar „Egoismus“ herauszulesen, ist etwa so unsinnig wie einem Chemiker zu unterstellen, dass er Atomen einen freien Willen zuschreibe, nur weil er salopp sagt, dass „der Sauerstoff gern anderen Atomen ihre Elektronen wegreißen will“.
Was will Bauer? „Eine Revolution biologischen Denkens“, schreibt er salbungsvoll. Die besteht offensichtlich darin, jetzt die Zellen zu handelnden Subjekten zu erklären. Was eine interessante Sicht sein könnte, es fragt sich aber, was Bauer wirklich meint, wenn er z.B. den Zellen attestiert, dass sie „Selbstverdopplungen von genetischem Material veranlassen“. In seinem Bemühen, das Genom zu entmachten, ist er bisweilen zu eifrig: So erklärt er die Tatsache, dass sich „Transpositionselemente“ (DNA, die sich selbst in einem Genom kopiert) häufiger außerhalb von Genen finden als in Genen, raunend damit, dass das eben „nicht dem Zufall überlassen“ sei. Dabei ist es ganz einfach: Man findet diese Elemente seltener in Genen, eben weil sie diese zerstören und damit der Lebensfähigkeit der Individuen, in deren Zellkernen das passiert, schaden.
Viel von dem Material, das Bauer bringt, ist interessant: So ist es wahr, dass die Entdeckung der vielfältigen auf RNA-Molekülen basierenden Regulationsmechanismen die Idee einer simplen Befehlskette (die DNA diktiert via RNA den Proteinen, wie sie sich zu bilden und damit wie sie sich zu verhalten haben) zerstört hat. Aber die war nie zentral im Neodarwinismus. Das Zusammenspiel von Mutation und Selektion ist es schon. Dass Bauer lieber „Kooperativität, Kommunikation und Kreativität“ als „biologische Grundprinzipien“ sieht, mag liebenswert klingen, heißt aber in Wirklichkeit gar nichts.
Dass Dawkins viel von Kooperativität, Kommunikation und Kreativität hält und versteht, zeigt er auch in seiner „Ancestor's Tale“. Deren Struktur ist von Chaucers „Canterbury Tales“ inspiriert: eine „Pilgerreise“ zurück in der Zeit, an den Kreuzungen (z.B. der letzte gemeinsame Vorfahre von Schimpansen und Menschen) stoßen immer neue „Pilger“ (diesfalls die Schimpansen) dazu. Das mag ein wenig gekünstelt klingen, es funktioniert aber erstaunlich gut, vor allem weil Dawkins einiges zu erzählen hat. Botaniker werden freilich bedauern, dass von den Pflanzen, die ziemlich am Schluss, wenn auch vor allem Bakterien zur Pilgerreise stoßen, nur ein Kapitel handelt. Wo sie doch so egoistisch sind!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2008)