Kehrtwende im bankrotten Island: Anfang 2009 will die Regierung einen Antrag auf EU-Beitritt stellen.
Reykjavik.Beim Thema Weltuntergang kennen sich die Isländer aus. Kaum jemand hat den „Ragnarnök“ so dramatisch prophezeit wie ihre Wikinger-Vorfahren vor 1000 Jahren in der „Edda“, Hauptquelle der germanischen Götter- und Heldensagen.
Doch in jüngster Zeit sind die seherischen Gaben versiegt. Niemand sah vor zehn Jahren voraus, dass sich die Hauptstadt Reykjavik von einem verschlafenen Fischerhafen zu einem Finanzzentrum mausern würde. Die neuen Götter an der Spitze der Banken Kaupthing, Landsbanki und Glitnir borgten sich vom internationalen Geldmarkt das Zehnfache des isländischen Bruttosozialprodukts, gingen international auf Einkaufstour und spekulierten im großen Stil. Die Finanzkrise ließ die Blase platzen. 250.000 Euro Schulden bürden die Banken jedem Isländer auf – eine viel zu hohe Last für die Zentralbank mit ihren bescheidenen Reserven. Das Land steht am Rande des Ruins, die Apokalypse ist nah.
Nur wenige haben davor gewarnt. Und noch etwas hätte keiner erwartet: Dass Island in seiner Not sein Heil in Europa sucht. Denn noch vor kurzem war ein EU-Beitritt für das stolze, seine Unabhängigkeit liebende Inselvolk kein Thema. Doch nach der Götterdämmerung der Banker dämmert auch vielen Isländern, was ihnen erspart geblieben wäre, wenn sie den Euro hätten. Die Hilfe der Europäischen Zentralbank wäre ihnen sicher. Statt ohnmächtig dem Sturzflug ihrer Krone zusehen zu müssen, wären sie in der Eurozone vor Turbulenzen geschützt. Und Brüssel stellte klar, dass es den Euro nur als Belohnung für einen Beitritt gibt.
Doch selbst als das Desaster schon da war, schob Premierminister Geir Haarde die europäische Frage vorerst auf die lange Bank: Man solle nichts übereilen und in Ruhe diskutieren. Aber die Erziehungsministerin aus seiner konservativen Unabhängigkeitspartei stellte sich auf die Seite der sozialdemokratischen Opposition: Ein Antrag auf Mitgliedschaft müsse „eine Frage von Wochen, nicht von Monaten sein“.
Schon 70 Prozent für Beitritt
Sie weiß die Bevölkerung auf ihrer Seite. 70Prozent drängen in die EU, im Vergleich zu 50 Prozent vor der Krise. Leitartikler bestürmen die Regierung, die Isländer gehen auf die Straße. Einige schwingen schon Fahnen mit goldenen Sternen auf blauem Grund. Nun lenkt auch Haarde ein. Das Außenministerium hat einen Fahrplan skizziert: Antrag auf Mitgliedschaft Anfang nächsten Jahres, EU-Beitritt 2011. Die Regierung setzt eine Kommission ein, die Details prüfen soll. Der Parteitag der Konservativen wird auf Jänner vorverlegt, um die Basis auf eine Kehrtwende einzuschwören.
Heute ist die Zukunft einfacher vorauszusehen: Der Antrag wird gestellt, doch die Verhandlungen werden zäh. Denn ein natürlicher Reichtum ist den Isländern geblieben, und das Land wird ihn mit Zähnen und Klauen verteidigen: eine Unmenge Kabeljau. Bei einem EU-Beitritt müssten sie die Fischereirechte für ihre Hoheitsgewässer, 200 Seemeilen rund um die Insel, aufgeben und anderen EU-Fischern Zugang gewähren.
Auch diese Hürde wollen die Isländer meistern. Denn sie sind mit einem erstaunlichen Optimismus gesegnet, den Haarde in einer ergreifenden Fernsehansprache mitten in der Krise beschwor. Übrigens: Auch der prophezeite Weltuntergang in der Edda ist nicht endgültig. Eine neue Welt werde sich erheben, verkündet dort die Seherin. Ob sie damit einen EU-Beitritt Islands voraussah, müssen die Philologen klären.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2008)