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Russische Banken „scannen“ ihre Kreditkunden

roter Platz
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Arbeitnehmer in gefährdeten Branchen haben es künftig schwerer, Darlehen zu bekommen. Als übermäßig angeschlagen gelten der Bausektor, die Metallurgie und die Finanzbranche. Am Montag fiel der Moskauer Leitindex zum vierten Mal in Folge.

MOSKAU.Als eine der Folgen der weltweiten Finanzkrise gehen russische Banken nun offenbar dazu über, ihre potenziellen Kreditnehmer weitaus strenger zu durchleuchten als bisher. Wie die Zeitung „Kommersant“ unter Berufung auf mehrere Banken berichtet, würden künftig neue Systeme zur Überprüfung der Kreditwürdigkeit angewendet. Konkret solle etwa untersucht werden, ob die Ausbildung der Arbeit entspricht und wie sehr der Arbeitgeber von der Krise gefährdet ist.

 

Viele Firmen planen Kündigungen

„Wir haben begonnen, mehr auf die Reputation der Firma, in der ein Kreditnehmer arbeitet, und auf den Nachweis seiner einschlägigen höheren Bildung zu achten“, erklärt Oleg Skvorzov, stellvertretender Vorstandschef der Absolut-Bank: „Auch die Eigentümer des Unternehmens nehmen wir genauer unter die Lupe“.

Vor der Finanzkrise war dieses „Kreditscoring“ der russischen Banken von Jahr zu Jahr lockerer gehandhabt worden. Russland hatte ja zumindest in der offiziellen Darstellung als „sicherer Hafen“ im Meer der globalen Finanzkrise gegolten. Nachdem diese aber im September mit voller Wucht auf Russland übergeschwappt ist, hat sie nicht nur zu Liquiditätsengpässen auf dem Finanzsektor geführt, sondern mittlerweile bereits auf den realen Sektor durchgeschlagen. Laut der Arbeitsbehörde hatten allein im Oktober 1073 Unternehmen vor, 46.000 Mitarbeiter zu entlassen.

Als übermäßig angeschlagene Branchen gelten der Bausektor, die Metallurgie und die Finanzbranche. Gerade Angestellte in diesen Sektoren werden es künftig um einiges schwerer haben, einen Kredit zu erhalten, konstatiert der „Kommersant“. Die neuen Kreditscoringsysteme seien besonders auf diese gefährdeten Branchen sensibilisiert.

Stanislav Kleschev, Analyst der Bank VTB24, warnt unterdessen vor einem empfindlichen Rückgang in der Konsumnachfrage, wenn einige Branchen einer verschärften Kreditpolitik unterzogen werden: „Wenn eine derartige Situation mehr als vier bis sechs Monate anhält, dann werden sich in Regionen, die am Metallurgie- oder Bausektor hängen und in denen das Ausmaß der Arbeitslosigkeit stark ansteigt, die sozialen Spannungen erhöhen.“

Auch ohne neues Kreditscoring haben russische Banken zuletzt die Kreditvergabe massiv zurückgefahren beziehungsweise die Bedingungen verschärft und die Prozentsätze angehoben. Für einen Autokredit etwa zahlt man mittlerweile bis zu 23,5 Prozent Jahreszinsen.

 

Börsenkurse fallen und fallen

Um wenigstens die Betriebe mit Geld auszustatten, hat der Staat die größten Geldinstitute mit mehrmaligen Finanzspritzen unterstützt. Zuletzt war vermehrt Kritik laut geworden, dass die Großbanken das Geld nicht ausreichend oder nur zu überhöhten Zinssätzen nach unten in die Realwirtschaft durchsickern lassen, während sie stattdessen massenweise Dollars aufkaufen und damit den Rubel weiter schwächen.

Und auch von der Börse gibt es keine guten Nachrichten. Am Montag fiel der Moskauer Leitindex Micex zum vierten Mal in Folge, dieses Mal um 6,5 Prozent. Der Aktienhandel wurde erneut für eine Stunde unterbrochen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2008)