Welser-Möst: „Ich halte das für einen Skandal!“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Franz Welser-Möst, designierter Generalmusik-Direktor der Staatsoper, ärgert sich über Subventionsstopp für Kulturinstitutionen. Er fürchtet die Finanzkrise, tut alles für Thielemann und erklärt die Faszination von Wagner.

Die Presse: Durch die Finanzkrise bricht das Sponsoring weg. Wie geht es dem Cleveland Orchestra, dessen Chefdirigent Sie sind?

Franz Welser-Möst: Wir müssen kämpfen, und das werden wir auch tun. Wir werden genau wie damals nach dem 11. September 2001 betroffen sein. Wir haben das ein Jahr später gespürt. Das war bei meinem Amtsantritt 2002. Ich hatte eine zehnprozentige Gehaltskürzung. Das Cleveland Orchestra bekommt nur 0,5 Prozent seines Budgets von der öffentlichen Hand. Knapp unter 50 Prozent sind Karteneinnahmen, das Übrige kommt von privaten Financiers. Wir sind nicht so bekannt wie das New York Philharmonic Orchestra. Im Großraum von Cleveland leben fünf Milliardäre, im Großraum von New York sehr, sehr viele.

Ein Kontrollamtsbericht lobt die gute Führung des Musikvereins und empfiehlt einen Subventionsstopp. Für Kulturinstitute muss das ein Schock sein. Machen Sie sich Sorgen?

Welser-Möst: Diese Geschichte mit dem Musikverein hat mich sehr geärgert. Ich halte das für einen echten Skandal! Wer gut gewirtschaftet hat, wird bestraft. Österreich muss sich wirklich überlegen: Will man ein aktives Kulturleben haben oder nicht.

In Zeiten, wo alles bröckelt, wird das Verständnis für finanzielle Forderungen der Kulturinstitutionen offenbar immer geringer.

Welser-Möst: Das ist wie bei einem Haus. Wenn Sie 20 Jahre keinen Groschen ausgeben, müssen Sie danach wesentlich mehr Geld in die Hand nehmen, um das Haus zu reparieren. Die Politiker können ja einmal eine Probe machen: ein Jahr mit den Salzburger Festspielen aussetzen. Dann wird man sehen, was es für einen Aufschrei von Leuten gibt, die nie zu den Festspielen gehen, wohl aber den Geschäftsrückgang spüren. Das soll man sich mal anschauen!

Das Staatsopernorchester bekommt einen neuen Kollektivvertrag mit einer flexibleren Arbeitseinteilung. Dazu ist mehr Geld nötig. Wenn die im Staatsopernorchester spielenden Wiener Philharmoniker auf, sagen wir, 20 Konzerte im Jahr verzichten und mehr Dienst in der Oper machen, wollen sie das refundiert haben. Um welche Summen geht es da?

Welser-Möst: Das müssen Sie Dominique Meyer fragen. Sicher ist, ein Musiker im Orchester der Bayerischen Staatsoper verdient im Durchschnitt um 30 Prozent mehr als ein Musiker im Staatsopernorchester. Ich hoffe, dass die Philharmoniker in der Staatsoper bleiben. Sie sind das Rückgrat des Hauses. Die Musiker wissen, dass ein neuer KV ein Geben und Nehmen ist. Man kann nicht einfach sagen: mehr Geld und vielleicht noch weniger leisten. Ich glaube aber, dass es zwischen Meyer, dem Orchester und Georg Springer (Holding-Chef der Bundestheater) eine gute Gesprächsbasis gibt.

Wie sind die Entscheidungen zwischen Ihnen und Dominique Meyer geregelt? Wer bestimmt was? Wie viel Zeit verbringen Sie in Wien – und wie viel in Cleveland?

Welser-Möst: Dominique Meyer ist der Direktor und künstlerische Leiter der Staatsoper. Er unterschreibt die Verträge. Er hat die Verantwortung. Natürlich stimmen wir uns ab. Und wenn es darum geht, welche Gastsänger in meinen Produktionen engagiert werden, geht das nicht ohne mich. Ich dirigiere ungefähr hundert Abende im Jahr insgesamt, an der Staatsoper 35. Dann kommen noch die Proben dazu. In meinem Vertrag steht, dass ich 22 Wochen in der Saison in Wien sein muss, 16 bis 18 in Cleveland.

Wie sieht es mit Dirigenten aus? Es heißt, wenn ein Stardirigent da ist, kommen keine anderen Stardirigenten. Wie ist es mit Christian Thielemann, der auch als Generalmusikdirektor im Gespräch war. Sind Sie Rivalen?

Welser-Möst: Ich bewundere und respektiere Christian Thielemann. Ich wünsche mir, dass er so oft wie möglich nach Wien kommt. Ich habe ihm das auch bereits gesagt. Was er hier dirigieren möchte, würde ich gerne haben. Mein größter Wunsch ist klarerweise, dass die besten Leute an der Staatsoper arbeiten. Ich wünsche mir, dass Daniel Barenboim kommt, Riccardo Muti, Mariss Jansons. Wenn Dominique Meyer mir jetzt sagen würde, Franz, Mariss möchte gern dies oder jenes dirigieren – und es wäre ein Stück, das ich mir ausgesucht habe –, würde ich selbstverständlich zurücktreten.

Welche Regisseure schätzen Sie? Das ist ja noch immer ein heikles Kapitel in der Oper.

Welser-Möst: Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hat schon mehrmals von der Sackgasse des Regietheaters geschrieben. Ich versuche mich von Kategorisierungen fernzuhalten. Theater muss mit Emotionen spielen. Davon gibt es eine riesige Palette, und ein Gutteil davon wird oft vergessen. Prinzipiell: Gut ist die Arbeit eines Regisseurs, wenn er sich mit dem Stück intensiv auseinandersetzt, wie man das z.B. bei Andrea Breth merkt. Ich würde wahnsinnig gerne mit ihr arbeiten. Diese Frau hat eine unglaubliche Musikalität, wie sie mit Sprache umgeht, und sie versteht ihr Handwerk. Ich war fasziniert von ihrer „Carlos“-Inszenierung im Burgtheater. Ich war sprachlos. Ich saß da drin, dann begann die Pause. Ich dachte, meine Uhr geht falsch. Mir kam es vor wie eine Dreiviertelstunde, es waren aber zwei.

Gibt es noch andere Regisseure, die Sie mögen? Wie ist es mit Martin Kusej?

Welser-Möst: Seine „Salome“ in Zürich fand ich toll. Er hat eine unglaubliche Theaterpranke. Man fadisiert sich bei ihm nicht. Manches ist mir zu plakativ. „L'amour de loin“ von Kaija Saariaho in Salzburg in der Regie von Peter Sellars (2000) oder „Pélleas et Mélisande“, inszeniert von Bob Wilson, das sind Eindrücke, die mir geblieben sind.

Wenn Sie Generalmusikdirektor sind, in der Oper und philharmonische Konzerte sowie in Salzburg dirigieren, können Sie ein CD- bzw. DVD-Imperium aufbauen, wie das z.B. Karajan gelungen ist? Gibt das einen Schub?

Welser-Möst: Nein! Wir sind nicht mehr in den Achtzigerjahren. Der Klassik-Boom damals war ein Technik-Boom. Man hat seine Schallplattenbibliothek auf CD umgestellt. Die CD hat alles revolutioniert. Heute laden sich die Leute dies oder jenes runter. Ich bin fest überzeugt, dass Aufnahmen heute nicht mehr dazu da sind, Geld zu verdienen, sondern sie sind ein Teil von PR. Es gibt Aufnahmen der Berliner Philharmoniker, von denen 500 Stück weltweit verkauft werden. Das ist kein Geschäft. Das wird sich auch nicht mehr ändern. Ich finde das nicht tragisch. Wir machen eine Art von Kunst, die vom unmittelbaren Erlebnis lebt. Da gibt es jetzt so technische Spielereien. Simone Young steht auf einem Turm und jeder Musiker sitzt vor seinem Bildschirm, und man spielt unabhängig voneinander, aber miteinander Brahms. Das ist einfach pervers!

Am 8.12. hat „Götterdämmerung“ in Wien Premiere. Was fasziniert uns an Wagner?

Welser-Möst: Unsere westliche Gesellschaft ruht auf Antike und Christentum. Durch die Aufklärung wurde der Spalt zwischen diesen beiden tragenden Säulen größer. Genau da hakt Wagner ein. Er sagt, wir brauchen den Mythos. Es ist nicht alles reine Vernunft, Wille. Aus dem nordischen und dem germanischen Mythos hat er den „Ring“ gefiltert. Er versucht das in uns eingebaute Verlangen nach Mythos und Mystik zu befriedigen.

Und Sie? Sind Sie mehr im Mythos, in der Religion oder in der Kunst daheim?

Welser-Möst:Der Generalmusikdirektor Welser-Möst ist nur ein Teil meines Menschseins. Mir ist meine persönliche Entwicklung das Wichtigste. Als Künstler ist die Kunst für mich wichtig, als Mensch die Religion.

ZUR PERSON

Franz Welser-Möst (48), in Linz geboren, heute Liechtensteinischer Staatsbürger, wurde von Karajan gefördert. 1985 debütierte er bei den Salzburger Festspielen, 1986 an der Wiener Staatsoper, ab 1995 war er Chefdirigent der Zürcher Oper.2010 wird er an der Seite von Direktor Dominique Meyer, der Ioan Holender nachfolgt, Generalmusikdirektor der Staatsoper. Dort wird er dem Vernehmen nach u. a. Hindemiths „Cardillac“ sowie „Tannhäuser“, „Figaro“, „Rosenkavalier“, „Fledermaus“ dirigieren; in Salzburg vielleicht Schumanns „Faust“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2008)

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