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Meteorologie: Mini-Ozonlöcher über Österreich

(c) APA (DPA)
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Neben dem großen – vom Menschen verursachten – Ozonloch, kommt es wetterbedingt regelmäßig zu kleineren Stellen, an denen die Ozonwerte drastisch sinken und die UV-Strahlung daher ansteigt.

Schon mal von Mini-Ozonlöchern gehört? Das große Ozonloch, das über der Antarktis erstmals 1985 entdeckt wurde, ja das kennt man. Doch dass auch Österreich regelmäßig mit den Auswirkungen anderer Ozonlöcher und damit mit einem Steigen der UV-Strahlung zurecht kommen muss, weiß kaum jemand. Stana Simic vom Institut für Meteorologie an der Universität für Bodenkultur kennt die Mini-Ozonlöcher sehr gut, schließlich forscht sie seit fast 15 Jahren an Ozon- und UV-Belastung in Österreich. Und bei der Erklärung, was Mini-Ozonlöcher sind, nimmt sie gleich den Menschen in Schutz: Denn während das große Ozonloch auf den Gebrauch von FCKW-hältigen Gasen, deren Chlorbestandteile das Ozon langfristig abbauen, zurückzuführen ist, können wir für die Ozon-Mini-Löcher ausnahmsweise mal nichts.

„Durch den Transport von Luftmassen aus den Tropen oder dem Polarbereich, wo die Luft ozonarm ist, oder durch Tiefdruckwirbel über dem Atlantik können die Ozonwerte über Österreich so absinken, dass sie denen vom Ozonloch der Antarktis entsprechen“, so Simic. Auf den Satellitenkarten sehen Mini-Ozonlöcher aus wie Hochs oder Tiefs beim Wetterbericht, sie ähneln diesen in ihrer Fläche und wie sie über Europa wandern. Sie betreffen – wie Wetterfronten – Österreich nie länger als ein bis fünf Tage.

Welche Auswirkungen diese Ozontiefstwerte in höheren Atmosphärenschichten auf die Bevölkerung haben, sollte von Simic und ihren Kollegen in einem StartClim-Projekt (gefördert unter anderem vom Wissenschafts- und vom Wirtschaftsministerium) geklärt werden. Das war gar nicht so einfach, denn Messungen der Ozonwerte gibt es noch nicht lange. Während allgemeine Daten über Klima und Wetter zum Beispiel am Sonnblick in den Hohen Tauern seit über 120 Jahren gemessen werden, kann die Ozonmessung ebendort nur auf eine Zeitreihe von 14 Jahren zurückgreifen. Denn nachdem in den 1980er-Jahren erste Bedenken geäußert wurden, dass die schützende Ozonschicht rund um den Erdball bald nicht mehr so gut schützen könnte, dauerte es eine Weile, bis überall Messungen des Ozons gestartet werden konnten, da solche technisch sehr anspruchsvoll sind. Am Sonnblick wird nun seit 1994 jeden Tag, alle 30 Minuten gemessen, welche Dichte das Gesamtozon über Österreich hat.

 

Das „gute“ und das „böse“ Ozon

90 Prozent des Ozons befindet sich in der Stratosphäre, also in zehn bis 50 Kilometer Höhe – im Volksmund das „gute Ozon“ genannt. Das „böse Ozon“, nämlich das bodennahe Ozon, macht nur drei Prozent des Gesamtozons aus. An heißen Tagen mit hoher UV-Belastung kann das „böse“ Ozon zu Reizungen der Schleimhäute bei Tier und Mensch führen und auch Pflanzen schädigen. Das „gute“ Ozon in der Stratosphäre ist hingegen für unseren Planeten lebenswichtig, denn es filtert den Anteil des Sonnenlichts heraus, der auf biologische Systeme eine schädigende Wirkung hat. UV-Strahlen (mit einer Wellenlänge von 280 bis 400 Nanometer) machen in hoher Dosis den Zellen und ihrer DNA zu schaffen. Beim Menschen verursachen sie Sonnenbrand und Hautkrebs. Je weniger „gutes“ Ozon nun vorhanden ist, umso stärker kommen die UV-Strahlen durch und richten hier Schaden an. Ob die Mini-Ozonlöcher der österreichischen Bevölkerung schaden, konnte im aktuellen Projekt nicht signifikant belegt werden. Jedoch kam klar heraus, dass im Zeitraum von 1995 bis 2005 besonders viele Tage mit sehr dünner Ozonschicht über Österreich gemessen wurden. „Am kritischsten ist, dass Mini-Ozonlöcher verstärkt im Spätwinter und im Frühjahr auftreten“, sagt Simic. Denn zu diesen Zeiten ist die Bevölkerung nicht an starke UV-Belastung gewöhnt, die Haut ist noch blass vom Winter und ein plötzlicher Anstieg der UV-Strahlung kann zu unerwartetem Sonnenbrand führen.

Interessant liest sich jedenfalls die Hautkrebsstatistik, die im StartClim-Projekt ausgewertet wurde: Seit Beginn der 1990er-Jahre gibt es einen Anstieg der Erkrankungen an bösartigem Melanom – bei Männern stärker als bei Frauen. Ob es für den Geschlechtsunterschied eine biologische Erklärung gibt oder es vom Verhalten in der Freizeit und Arbeit abhängt (wie dem Spruch: „Eincremen ist was für Mädchen“), wurde nicht geklärt. Auffällig ist, dass das Melanomrisiko mit der Seehöhe des Wohnbezirks zunimmt: Am höchsten ist es in Tirol und Vorarlberg. Jedoch auch innerhalb von Wien wurden Unterschiede gefunden: In Hietzing, der Inneren Stadt und Penzing tritt Hautkrebs am häufigsten auf, am seltensten in der Brigittenau, Leopoldstadt und Simmering. Die Korrelation zwischen dortigen Immobilienpreisen und Hautkrebsfällen deutet auch darauf hin, dass der Lifestyle der Bevölkerung eine große Rolle spielt: Können es sich die „Reichen“ leisten, mehr in der Sonne zu liegen? Simic ist sich nicht sicher, dazu fehlen genaue Analysen des Freizeitverhaltens.

 

UV-Information im Wetterbericht?

Sie glaubt aber, dass man die Bevölkerung durch bessere Aufklärung vor Hautschäden bewahren kann. In Australien zeigt sich, wie große Informationskampagnen das Verhalten der Menschen so änderten, dass die Anzahl der Hautkrebsfälle zurückgeht. In Österreich können sich die Menschen derzeit nur auf dem Teletext (Seite 644) oder auf der von der Innsbrucker Biomedizinischen Physik geführten Homepage (www.uv-index.at) informieren, wie stark die UV-Belastung des jeweiligen Tages ist. „Leider fehlt in Österreich eine Information der UV-Belastung als Teil des Wetterberichtes“, sagt Simic.

Es soll noch gesagt sein, dass UV-Strahlung nicht nur „böse“ ist – im Gegenteil, wir brauchen sie zum Leben: UV-Strahlung regt die Vitamin-D-Produktion an, stärkt unser Immunsystem und ist dafür verantwortlich, dass die Pflanzen unseres Planeten Fotosynthese betreiben. Es kommt eben – wie immer – auf die richtige Dosis an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2008)