Archäologie: Als die Seele in den Stein fuhr

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Eine 2800 Jahre alte Stele in der Türkei zeigt eine Kultur, die schon Leib und Seele trennte.

Ich, Kuttamuwa, Diener des (Königs) Panamuwa, bin der, der die Herstellung dieser Stele für mich selbst beaufsichtigte, als ich noch am Leben war. Ich platzierte sie in einer ewigen Kammer und etablierte ein Fest in dieser Kammer: ein Stier für (den Sturmgott) Hadad, ein Widder für (den Sonnengott) Shamash und ein Widder für meine Seele, die in dieser Stele ist.“

Das steht auf einer 90 Zentimeter hohen, 60 Zentimeter breiten und 200 Kilo schweren Basalt-Stele, die einem Team um David Schloen, Archäologe der University of Chicago, diesen Sommer vor Augen geriet, im Südosten der Türkei, in einem Ort, der heute Zincirli heißt und früher Sam'al hieß. Die 40 Hektar umfassende Siedlung wurde vermutlich von den Hethitern gegründet, nach deren Fall, 1190 v.Chr., war sie Zentrum eines aramäischen Königreichs, das zunächst Vasallenstaat der Assyrer war, dann in deren Reich aufging. Im 7.Jahrhundert v.Chr. wurde alles zerstört und aufgegeben.

Erst Ende des 19.Jahrhunderts kam wieder jemand: Archäologen der deutschen Orient-Gesellschaft gruben von 1888 bis 1902: Sie legten eine Zitadelle frei, um die herum zog sich kreisförmig die Stadt, geschützt von einer Mauer mit drei Toren, die ihrerseits von steinernen Löwen geschützt wurden. Die Deutschen fanden auch Stelen, auf denen etwa die Heldentaten des Königs Panamuwa – er lebte im 8.Jahrhundert v.Chr. – gepriesen wurden, in phönizischen Zeichen und teils in luwischer, teils in aramäischer Sprache. Erstere ist eine indogermanische, letztere eine semitische, in Anatolien mischte sich damals viel.

Darauf deuten auch die Namen des Königs Panamuwa und seines Dieners Kuttamuwa, beide sind indogermanisch. Offenbar war der Glaube es auch: In semitischen Kulturen gehört die Seele untrennbar zum Körper, auch nach dem Tod, deshalb werden Leichen nicht verbrannt. Aber die Seele des Kuttamuwa ging nach seinem Tod in den Grabstein, so stellte er sich das wenigstens vor. Dort allerdings ließ sie es sich gut gehen, als wäre sie der Körper, das zeigt nicht nur die Verfügung des Widder-Opfers, das zeigt die Stele selbst: Da sitzt ein bärtiger Mann mit Mütze und tafelt, in der Hand hält er den Krug mit Wein, auf dem Tisch stapelt sich Essen, Brot, eine gebratene Ente.

Mehr als der Stein ist allerdings von Kuttamuwa nicht da, man hat keine Urne gefunden, auch in der restlichen Siedlung zeigten sich bisher keine (allerdings weiß man aus Funden an anderen Orten, dass in dieser Kultur die Toten eingeäschert wurden). Auch sonst gibt der Fund einige Rätsel auf: Die Stele lehnt an der Wand eines Raums, neben ihr stehen Opfergefäße und – Reste von Backöfen. Die Forscher vermuten, dass der Raum zunächst eine Küche war – möglicherweise in Kuttamuwas eigenem Haus – und ihm später als Schrein gewidmet wurde (www.uchicago.edu).

SEELE: Alter Begleiter

Seit wann die Menschen an einen unsterblichen Teil ihrer selbst glaubten, ist unbekannt. Aber schon frühe H. sapiens bestatteten ihre Toten (Neandertaler auch).

Den ersten Totenkult etablierten die Ägypter, die gleich zwei unsterbliche Teile annahmen – ka und ba –, den Körper aber auch brauchten, deshalb wurde mumifiziert.

Auch für semitische Völker war eine vom Leib getrennte Seele nicht vorstellbar, Leichen durften nicht verbrannt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2008)

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