Post-Betriebsrat: „Glaube den Zahlen der Post nicht“

(c) Die Presse (Teresa Zötl)
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Post-Betriebsrat Gerhard Fritz über „unglaubwürdige Zahlen“ des Managements, neue Ideen für das Geschäft und „nicht notwendige“ Jobstreichungen.

Die Presse: Die Postgewerkschaft droht seit der ersten Welle von Postämterschließungen im Jahr 2004 regelmäßig mit Streiks. Haben Sie nicht Angst, dass Sie unglaubwürdig werden?

Gerhard Fritz: Nein. Alle Streikankündigungen waren begründet. Wir haben jeweils das Beste für das Personal herausgeholt. Wir machen das nicht als Selbstzweck. Es ist aber anscheinend notwendig, dem Management immer wieder die Rute ins Fenster zu stellen. Sonst bewegen sie sich nicht.

Einen Streik hat es aber noch nie gegeben.

Fritz: Das war auch nicht notwendig. Wir drohen, um etwas abzuwehren. Bisher haben wir immer Lösungen ausverhandelt.


Diesmal wollen Sie ein Sparprogramm abwehren, das laut Post-Führung notwendig ist, um nach der Liberalisierung 2011 wettbewerbsfähig zu bleiben. 1000 der 1300 Postämter sollen durch Post-Partner ersetzt und 9000 der 25.000 Mitarbeiter abgebaut werden. Sie haben gesagt, wenn das kommt, ist die Post tot. Stirbt sie nicht eher, wenn sie auf die Liberalisierung nicht reagiert?

Fritz: Sie haben Recht, dass etwas getan werden muss. Wir erwarten uns allerdings vom Management, dass es nicht nur Jobabbau und Postamtschließungen als Konzept anbietet. Beim Börsengang 2006 wurde eine Wachstumsstrategie angekündigt, die es bis heute nicht gibt. Ich verlange vom Vorstand kreative Ideen für das Filialnetz, die Zustellung und neue Geschäftsfelder.

Hat die Gewerkschaft Vorschläge gemacht?

Fritz: Wir haben dem Vorstand schon viele Ideen gegeben. Im Vorstand herrscht jedoch die Mentalität, dass alles, was die Personalvertretung vorschlägt, schlecht ist. Es gibt bei uns auch kein betriebliches Vorschlagswesen wie in anderen modernen Firmen. Der Vorstand will das nicht. Er regiert abgehoben in der Postgasse und hat nichts anderes zu tun, als Redimensionierungspläne zu schmieden.

Können Sie uns konkrete Ideen nennen?

Fritz: Wir könnten in der Briefzustellung viele andere Tätigkeiten zusätzlich erledigen. Zum Beispiel, dass wir uns des Geomarketing bedienen. Das heißt: Die Briefträger sind jeden Tag bei den Kunden vor Ort und daher die bessere Adressdatei als die Meldeämter. Wenn jemand übersiedelt oder in eine Wohnung zusätzlich einzieht, erfährt das als Erstes die Post. Der Briefkasten ist zudem eine Visitenkarte. Anhand der zugestellten Post kann man die Interessen der Menschen erkennen. Dementsprechend könnte die Post Werbung spezifisch zustellen. Beispielsweise einen Katalog für ein Möbelhaus, wenn jemand neu in eine Wohnung einzieht.


Datenschutzrechtlich klingt es problematisch, wenn die Post von Briefen auf die Interessen schließt und dies für Werbung nützt.

Fritz: Das könnte gelöst werden, indem man die Leute zuvor um ihr Einverständnis bittet, dass ihre Adresse hergegeben wird.

So ein Geschäft würde genügend Rendite bringen, damit die Post konkurrenzfähig bleibt?

Fritz: Sicherlich.

Welche Vorschläge haben Sie, um die Postämter attraktiver zu machen?

Fritz: Ich glaube, dass man stärker bei den Finanzdienstleistungen auftreten könnte. Gerade jetzt sind das traditionelle Postsparbuch und Sparbriefe eine sichere Geldanlage.

Das alles gibt es ja schon.

Fritz: Aber es wird nicht genügend forciert. Zudem könnten die Postämter zu Infrastrukturpunkten ausgebaut werden, wo Fotos für die Ausarbeitung oder Kleidung für die Putzerei abgegeben werden kann. Durch die Debatte wurde bisher lediglich erreicht, dass Menschen jetzt in die Postämter kommen, ihr Geld abheben und zur Konkurrenz bringen. Das kostet uns Millionen.

Postämter dürfen nur geschlossen werden, wenn sie durch Post-Partner ersetzt und nicht wirtschaftlich geführt werden können. Wenn es keinen Bedarf und keine Kunden gibt, warum sollte man Postämter aufrechterhalten?

Fritz: Von den bislang geschlossenen 1000 Filialen wurden nur 210 durch Post-Partner ersetzt. Den Rest der Zustellung machen sogenannte Landzusteller (Briefträger, die Post und Pakete auch entgegennehmen, Anm.). Wir glauben, dass künftig nur ein Fünftel der geschlossenen Postämter durch Post-Partner ersetzt wird. Außerdem stammen die Zahlen über die Wirtschaftlichkeit ausschließlich aus der Kostenrechnung der Post. Die sind nicht objektiv überprüft. Auch der Minister muss diese Zahlen glauben. Ich bin mir sicher, dass hier Zahlen genannt werden, die nicht so ganz stimmen können.

Sie glauben, diese Zahlen sind getürkt?

Fritz: Ich vertraue der Kostenrechnung nicht.

Ist demnach auch der Abbau von 9000 Jobs nicht notwendig?

Fritz: Nein, wir haben sogar zu wenig Personal. Im September gab es 8000 Überstunden.

Ein Klotz am Bein sind aber die Beamten?

Fritz: Das stimmt nicht. Sie verdienen gleich viel wie Angestellte. Sie können auch versetzt, lediglich nicht gekündigt werden.


Sie behaupten, als Aufsichtsrat erst vor wenigen Tagen über dieses Konzept informiert worden zu sein. Über die Pläne wurde im Aufsichtsrat aber bereits im August diskutiert.

Fritz: Die Pläne sahen ganz anders aus und waren richtiggehend mit Weichzeichner gemacht. Es gab wohl Gerüchte über die Schließung von 1000 Postämtern. Ich habe den Vorstand darauf angesprochen, und dieser hat gemeint, dass das alles nicht stimmt. Man hat uns im August beruhigen wollen, um uns jetzt etwas hinzuknallen.

Mit Infrastrukturminister Werner Faymann haben Sie einen starken Mitstreiter gegen diese Pläne. Was halten Sie von seiner Verordnung, wonach Postamtschließungen für ein halbes Jahr de facto verboten sind?

Fritz: Ich finde das hervorragend, wenn ein Minister nicht herumredet, sondern klar Stellung bezieht. Auch der Minister wurde vor vollendete Tatsachen gestellt. Daher ist seine Reaktion richtig, wenn er sagt: Zurück an den Start. Das fordere ich auch – und eine vernünftige Regelung des Postmarktes. Das Postgesetz soll für alle Anbieter gelten – mit denselben Qualitätskriterien. Man kann zwar nicht verlangen, dass neue Anbieter gleich in ganz Österreich anbieten müssen. Das würde einen Markteintritt de facto unmöglich machen. Man könnte Österreich in drei bis vier Regionen einteilen, in denen jede Firma alle Adressen beliefern muss.


Wer zum Beispiel Wien haben will, muss auch das Waldviertel nehmen?

Fritz: Genau. Außerdem soll es einen Branchenkollektivvertrag geben.

Den Post-Kollektivvertrag für alle?

Fritz: Wir sind diskussionsbereit. Ich werde jetzt aber nicht sagen, was wir tun werden.

Derzeit verdienen Post-Mitarbeiter laut Post ja bis zu 40 Prozent mehr als bei der Konkurrenz.

Fritz: Das stimmt nicht. Hier werden Vollkosten mit reinen Lohnkosten verglichen. Im Schnitt verdienen Post-Mitarbeiter gleich viel wie bei der Konkurrenz.

AUF EINEN BLICK

Post-Gewerkschafts-Boss Gerhard Fritz fordert statt dem Abbau von 9000 Postlern und dem Ersatz von 1000 Postämtern durch Post-Partner, dass das Management neue Geschäftsideen entwickelt. Er fordert jene Wachstumsstrategie ein, die beim Börsengang angekündigt worden ist. Deponieren wird Fritz seine Forderungen beim „runden Tisch“, der heute, Mittwoch, mit den Ministern Faymann und Molterer stattfindet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2008)

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