Der Axolotl ist ein Junggebliebener: Er wird geschlechtsreif, aber nie wirklich erwachsen.
Für das Mammut ist es deutlich zu spät. Aber für den Pandabären habe ich noch nie unterschrieben, für den Schneeleoparden nie gespendet, zur Rettung der Wale habe ich nichts beigetragen, und wenn man mir ein warmes Mützchen aus Biberrattenfell schenkte, wer weiß, vielleicht trüge ich es. Der Artenschutz hat in mir keinen eifrigen Streiter, man kann sich nicht um alles kümmern, das meine ich gar nicht zynisch.
Wobei sein kann, dass es einem leid tut, wenn's zu spät ist. Den Dodo etwa (der nicht, wie eine Schnellsuche im Redaktionsarchiv vermuten lässt, mit Nachnamen Roščić heißt) würde ich gern im Zoo besuchen, gleich nach dem Ameisenbären, leider ist er vor 200 Jahren ausgestorben, „as dead as a dodo“, wie der Brite sagt. Er war tollpatschig und ungewöhnlich zutraulich, heißt es, darum haben ihn die Seeleute, als sie nach Mauritius kamen, Dodo genannt (von portugiesisch „doudo“, Einfaltspinsel) und mit Knüppeln erschlagen. Douglas Adams hat – wie Richard Dawkins in seinen reichen „Geschichten vom Ursprung des Lebens“ erzählt – eine „Doctor-Who“-Episode geschrieben, in der ein Professor Chronotis seine Zeitmaschine ausschließlich dazu benutzt, um ins Mauritius des 17.Jahrhunderts zu reisen und dort des Dodos Schicksal zu beweinen, bevor es sich erfüllt.
So weit würde ich nicht gehen. Aber die Meldung, dass der mexikanische Schwanzlurch Axolotl erneut in die „Rote Liste gefährdeter Tierarten“ eingetragen wurde, stimmt mich trübsinnig. Der Axolotl ist nämlich ein ganz besonderes Tier.
Erstens ist er in der aztekischen Mythologie die letzte Gestalt, in die sich Xolotl verwandelt, der Gott des Blitzes, des Todes und des Unglücks, der Herr des Abendsterns.
Zweitens sieht er gar nicht böse aus, sondern lieb, von vorn wie ein (etwas kryptisch) lächelndes Smiley.
Drittens ist er ein Junggebliebener – ganz wörtlich: ein Salamander, der sein Leben lang Salamanderlarve (und im Wasser) bleibt, geschlechtsreif wird, aber nie wirklich erwachsen. Es gibt Biologen, die meinen, dass wir ihm in diesem gleichen: als Menschenaffen, die nie erwachsen geworden sind. Ein junger Schimpanse sieht viel menschlicher aus als ein alter, und er spielt.
Pädomorphose nennt man das, es scheint, dass wir sie in der Kultur nachahmen. Wenn wir die Jugend verlängern wollen, lebenslang lernen wollen. Wenn Männer sich den Bart schaben, um auszusehen wie Buben. Wenn Frauen die gleichen Zöpfe tragen und denselben Pop hören wie ihre Töchter. Wenn Studenten ihre Studienjahre leben, als wären sie ewig. (Das sollen sie nicht, heißt es in strengen, wirtschaftlichen Zeiten, aber das wird schon wieder: Der Ernst des Lebens verliert am Schluss, das ist sicher.)
Stirb nicht aus, Axolotl! And may you stay forever young.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2008)